Eckart Tolle – „Jetzt!“

Rating: ★☆☆☆☆ 

Nachdem ein Freund mir immer wieder dieses Buch ans Herz gelegt hatte, habe ich es endlich gekauft und gelesen. Nehmen wir es gleich vorweg: Für mich ist das Buch reine Esoterik, ja schlimmer noch, gefährlicher Nonsens auf hohem Niveau.

Tolle argumentiert meist wie nach dem ceteris paribus Prinzip: Er macht eine Annahme bzw. stellt eine Behauptung auf und baut darauf seine Argumente auf. So  weit so gut, das ist gängige Praxis. Fragwürdig wird das nur, wenn die Behauptungen, auf die die Argumentationen aufbauen, falsch sind. Beispiel S. 40, Zitat: „Emotion bedeutet wortgetreu ‚Störung‘. Das Wort stammt aus dem lateinischen ‚emovere‘, das heißt ’stören‘.“

Wenn ich mich richtig erinnere, bedeutet „emovere“ im Lateinischen „erregen“, „in einen
bewegten Zustand versetzen“ (movere = bewegen). Das allerdings ist etwas ganz anderes als eine „Störung“.

Wenn ich nun Emotion als „Störung“ definiere, wird zwangsläufig alles, was auf diesem Argument aufbaut, fragwürdig. Wenn ich (falsch) behaupte A = B und dann mit B als Größe weiterrechne, wird das Andocken des Space Shuttles an der ISS wohl nicht funktionieren, und es gilt vielmehr „Lost in space“.

Ganz übel wird mir allerdings, wenn ich in Werken selbsternannter esoterischer Meister wie Tolle lesen muss, dass man Dinge, die man nicht ändern bzw. lieben kann, akzeptieren soll. Zitat Seite 94: „Wenn Du wirklich nichts tun kannst, um dein Hier und Jetzt zu verändern, wenn auch die Situation nicht verlassen kannst, dann akzeptiere dein Hier und Jetzt ganz, indem Du jeglichen Widerstand losläst.“

Und genau in solchen Ansätzen liegt die Fatalität des Gedankenguts der Kollegen von der esoterischen Fakultät: Man hat ganz offensichtlich das eigene Motto erfolgreich in die Tat umgesetzt: „Befreie Dich von Deinem Verstand“ (Kapitel 1)! Ich bin zum Beispiel hingegen froh, dass der Eine oder Andere genau das vor etwa 70 Jahren hier in Deutschland nicht gemacht hat!

Alle Bewunderer von Tolle können mir jetzt natürlich erwidern, dass ich als „rationaler“ bzw. in Tolles Diktion „total vergeistigter Mensch“ eben keinen  Zugang zu diesem Buch gefunden habe. Oder wie mein empfehlender Freund mir auf meine negative Replik schrieb: „Deine rationale Meinung kann ich gut verstehen!“ Doch so ist da nun mal: Meinungen sind eben „rational“!  Übrigens Bücher wie Tolles oder jene über die „Befreiung vom Verstand“ auch.

Für die Apologeten Tolles kann es noch viel schlimmer kommen, getreu dem Motto:
Stell Dir vor, Du gehst in Dich und da ist nichts!

„Ich horche in mich rein,
in mir muss doch was sein.
Ich hör nur Gacks und Gicks:
In mir da ist wohl nix.“ (Robert Gernhardt)

Zudem wurde nichts von dem, was Tolle schreibt, nicht schon geschrieben. Wer’s nicht glaubt, möge mal bei Seneca nachschauen: „Die Kürze des Lebens / De brevitate vitae.“ Das allerdings hat eine ganz andere Qualität.

Einen Stern bekommt Tolle nur deshalb von mir, weil es immer gut ist, ab und zu an das Jetzt erinnert zu werden.

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