Grégoire Bouillier – “ Der Überraschungsgast“

Rating: ★★★★☆ 

Ein introvertierter, leicht neurotischer, auf jeden Fall aber narzisstisch verliebter Nobody (kein anderer als der noch-nicht Schriftsteller Grégoire Bouillier) wird von seiner Ex, die ihn Jahre zuvor ohne ein Wort verlassen hat, eines Tages als „Überraschungsgast“ zu einer Party in der Pariser Künstlerszene eingeladen. Die Gastgeberin ist die berühmt-berüchtigte Künstlerin Sophie Calle.

Natürlich nimmt er die Einladung an. Ihm geht es jedoch nicht um die Geburtstagsfeier, sondern um seine frühere Geliebte. Er hofft, dass sie ihm auf dem Fest endlich erklären wird, warum sie ihn seinerzeit verlassen hat. Doch das tut sie natürlich nicht. In prahlerischer Absicht kauft er eine seine finanziellen Verhältnisse deutlich übersteigende Flasche Wein, einen 1964er Château Margaux.

Doch weder Flasche noch Ehrengast finden auf der Feier Würdigung – da helfen dann nur große Dosen Champagner und mehrfache Gästebeschimpfung. Doch kurz vor seinem enttäuschten Abgang erfährt er überraschend Heilung. Seine Ex sagt in Anbetracht eines Blumenbouquets beiläufig den Satz, dass sie ausschließlich Rosen als Schnittblumen ertragen könne. Plötzlich wird in ihm die Erinnerung Virginia Woolfs Roman „Mrs. Dalloway“ wach, dem Buch, das seine Ex über alles geliebt – und aus dem sie ihm sogar vorgelesen hat, als sie noch zusammen waren.

Auf schnellstem Wege eilt er heim, sucht und liest das Buch selbst, sieht die Parallelen der Geschichte von Clarissa Dalloway und Peter Walsh zu der zwischen seiner früheren Geliebten und sich selbst – und ist versöhnt: „Man meint, an alles zu denken, und vergisst dabei das Buch, das auf dem Nachttisch liegt.“

Zwölf Jahre später trifft der Autor noch einmal Sophie Calle. Da hat er schon sein erstes Buch geschrieben, mit dem Titel: „Ich über mich“, das sogar mit einem Preis ausgezeichnet wurde. Madame Calle gratuliert ihm zu dem Buch, ohne sich allerdings noch daran zu erinnern, dass er einmal ihr Überraschungsgast war. Doch dann will sie es genauer wissen.

Bouillier, den wir uns als einen modernen Marcel Proust, kombiniert mit der Großstandneurose eines Wilhelm Genazino oder Woody Allen vorstellen dürfen, erzählt diese Satire auf die Pariser Künstlerszene literarisch meisterhaft.

Schauspieler Frank Arnold trägt den Roman gewohnt und ebenso meisterhaft auf 2CDs und ungekürzten 143 Minuten vor.

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