Siegfried Lenz – „Schweigeminute“

Rating: ★★★★★ 

Die Novelle lässt sich als Gattung nur schwer definieren. Unumstritten ist, dass es sich dabei um eine kürzere Erzählung in Prosaform handelt. Oder sagen wir es einmal jovial so: Wenn es für einen Roman quantitativ nicht reicht, kann ein Autor sich immer noch für „Novelle“ oder „Erzählung“ entscheiden.

Unbestritten ist, dass „Novelle“ semantisch etwas mit „neu“ oder „Neuigkeit“ zu tun hat. Doch was ist so neu bei Siegfried Lenz druckfrischer Novelle „Schweigeminute“? Faktisch bietet diese Novelle nichts, was wir nicht schon von Siegfried Lenz kennen. Es sind immer wieder gleichen oder zumindest ähnliche Bilder, Symbole oder Themen, die der treue Leser sofort wiedererkennt. Vieles erinnert an „Deutschstunde, „Arnes Nachlass“ oder „Klangprobe“. Die Erzählperspektive ist die der „Deutschstunde“: Der Protagonist Christian erinnert sich in Rückschauen seiner Stella.

Wie in allen Werken steht auch hier der Mensch in der Krise im Mittelpunkt, das Scheitern als permanentes Thema. Und wie in vielen Werken ist es auch hier eine Kleinigkeit, mit der der Mensch den Lauf der Dinge zu verändern sucht, was hernach fatale Folge hat: Christian und sein Vater schütten einen Steindamm zum Schutze vor dem Meere auf, der Stella später zum Verhängnis werden soll. Ich möchte diesen Steindamm nicht psychologisch deuten, sondern sehe es so: Das Ganze ist ein System. Greifen wir an der einen Stelle ein, hat dies Auswirkungen auf andere, vielleicht unerwartete Stellen. Doch „Wie auch immer du dich entscheidest, ein Ungenügen wird immer zurückbleiben. Und dennoch musst du es tun“ (SL in „DIE ZEIT vom 8. Mai 2008).

Wir wissen, dass Siegfried Lenz im Jahre 2006 seine Frau Liselotte nach knapp 60 Ehejahren verloren hat. Eine große Krise erfasst den Schriftsteller, der nicht nur seine Frau, sondern auch seine erste Kritikerin verloren, der er alle seine Entwürfe immer vorgelesen hat. Die Imagination scheint ihn zu verlassen. Zwei neue Anläufe, die Geschichte zu einem Ende zu bringen. Und dann gerät ihm das Buch doch noch zu seiner eigenen Selbstrettung, wie er in dem o. a. Interview kund tut: „… weil das Erzählen für mich gleichbedeutend damit ist, leben zu lernen. Mir ist klar zu werden über dieses unglaubliche Dickicht des Lebens. Erzählen ist eine Selbstbefreiung.“ (SL a.a.O.)

Wer Siegfried Lenz kennt und dieses kleine Werk über die Liebe genau liest, wird die Friktionen, die Verwerfungen, die ungewollten Zwangspausen, die notwendig waren, um dieses Buch zu vollenden erkennen, spüren. Vielleicht haben die bisherigen Kritiken just diesen Aspekt übersehen oder zu wenig Beachtung geschenkt? Für mich ist „Schweigeminute“ eine literarisch verarbeitete Verneigung Siegfried Lenz‘ vor seiner verstorbenen Ehefrau Liselotte.

„Wovon erzählen als Schriftsteller? Es gibt keine Möglichkeit, von sich selber abzusehen. Was immer du schreibst, du gibst etwas von dir selbst preis. Man kann nicht über andere schreiben, ohne zugleich über sich selbst zu schreiben. Und also durchblicken zu lassen, was einen selbst zutiefst bedrückt.“ (SL a.a.O.)

Fazit: Es hat nicht mehr für ein ganz großes Buch gereicht, aber allemal für ein großes. Jeder Vergleich mit anderen sog. Großschriftstellern verbietet sich, denn Lenz schreibt über die Liebe, während andere auf der niederen Ebene der Begierde kläglich und geifernd hängen bleiben.

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