Stephan Thome – „Grenzgang“

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Wie wohltuend, einmal wieder einen les-/hörbaren zeitgenössischen Roman zu lesen / hören!

Die Sieben gehört zu den magischen Zahlen. Wir erinnern uns an die sieben fetten und die sieben mageren Jahre aus der Mosesgeschichte im Alten Testament. Wir sprechen vom „verflixten siebten Jahr“ der Ehe. Die Anhänger des Yoga glauben an einen siebenjährigen Bewusstseinszyklus usw.

In diesem Roman erleben wir Erzählfragmente, Vor- und Rücksprünge, im siebenjährigen Zyklus, der sich am fiktiven Ort Bergstadt in der hessischen Provinz durch das Ritual des alle sieben Jahre stattfindenden historischen „Grenzgangs“, einem dreitägigen Volksfest, orientiert (offenbar der Stadt Biedenkopf entlehnt, aus der der Autor stammt). Dabei geht dem man gemeinsam die Ortsgrenzen ab, die noch mit Steinen markiert sind, um Verschiebungen zu den Nachbargemeinden zu kontrollieren.

28 Jahre umfasst der Roman Stephan Thomes, insgesamt der Zeitbogen von 1985 bis 2013. Erzählt wird aus der Erzählperspektive von Mann und Frau, realisiert im Hörbuch durch je einen weiblich (Nina Hoger) und männlichen (Matthias Brandt) Sprecher. Sie stehen für die Personen Thomas Weidmann und Kerstin Werner. Dabei schildert Thome die Ereignisse von Bergenstadt nicht etwa chronologisch. Vielmehr erzählt er stets nur das, was sich an jeweils drei Tagen des Grenzgangfests ereignet.

Doch der Titel will mehr bedeuten als das historische Ereignis. Thome zeichnet die Fragilität von Lebensentwürfen, lässt den Leser teilhaben an deren Gelingen und Scheitern. Die geschiedene Frau und der in seiner akademischen Karriere gescheitere Mann auf der Suche nach dem Glück. Sie sind bereit, dafür bis an ihre Grenzen zu gehen.

Beide sind in einem Alter, wenn man nicht mehr jung ist, alt aber noch nicht sein möchte. Da ist die Suche nach Glück besonders tückisch. Das familiäre und berufliche Leben hat längst Zwänge geschaffen, aus denen sich nur sehr schwer ausbrechen lässt.

Das Hörbuch ist auch äußerlich eine Freude. Wohl nicht zufällig werden die schwarzen Papierhüllen des sechs CDs (470 Minuten Spieldauer) umfassenden (gekürzten) Hörbuchs mit zwei Schrauben zusammengehalten.

Fazit: Vielleicht der Debütroman des Jahres, hörbuchtechnisch hervorragend von Wolfgang Stockmann und Brigitte Landes für den Suhrkamp Verlag

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