Monika Maron – „Stille Zeile Sechs“

Rating: ★★★★★ 

Es gibt wenige Bücher zeitgenössischer ostdeutscher Autoren, die sich der eigenen Vergangenheit derart ehrlich stellen wie die Monika Marons.

Denn Monika Maron rechnet in diesem Roman kurz nach der „Wende“ nicht etwa nur mit ihrem ehemaligen Staat, der DDR, ab, sondern auch mit sich selber, ihrer Arbeit, ihrem Elternhaus.

Wie Siegfried Lenz kürzlich in einem Interview der „ZEIT“ schrieb, gibt es als Schriftsteller keine Möglichkeit, von sich selber abzusehen: „Was immer du schreibst, du gibst etwas von dir selbst preis. Man kann nicht über andere schreiben, ohne zugleich über sich selbst zu schreiben. Und also durchblicken zu lassen, was einen selbst zutiefst bedrückt.“

Und genau das tut Maron in teilweise selbstquälerischer aber enorm ehrlicher Auseinandersetzung. Monika Maron beschönigt, rechtfertigt nichts. Sie versucht stattdessen Zusammenhänge herzustellen, zu verstehen.

In diesem Sinne dürfen wir Monika Marons „Stille Zeile Sechs“ als „Aufarbeitung“ eigener individueller Geschichte begreifen – und genau deshalb ist dieses Buch überaus lesenswert. Dass ihr dieses eigene Anliegen handwerklich und intellektuell als Roman auf hohem Niveau gelingt, spricht einmal mehr für ihr Können.

Die Frage, ob Maron in den 70er Jahren „IM“ war, spielt für die Beurteilung ihres Werks m. E. keine Rolle. Entscheidender als unsere Handlungen in der Vergangenheit ist  unsere Fähigkeit, diese zu reflektieren. Und genau das tut Maron in diesem Buch. Wir Westdeutschen tun in Abrechnung mit den „realsozialistischen Staaten“ gerne so, als ob hier jeder, ob Schriftsteller, Politiker oder Wirtschaftsführer, moralisch integer eine weiße Weste hätte. Das Gegenteil ist meist der Fall. Deshalb hat auch Günter Grass meinen Respekt verdient. Nur wer selber frei ist von Schuld, möge Steine werfen.

Fazit: Eine bedrückende, quälende aber notwendige und daher lesenswerte Abrechnung mit der eigenen Vergangenheit in der DDR. Um das Leben in der DDR wirklich zu verstehen, dazu kann dieses Buch einen großen Beitrag leisten. Ein Kompliment der SZ für die Aufnahme in die zweite Staffel ihrer „Bibliothek der 100 großen Romane des 20. Jahrhunderts“, denn genau da gehört es hin.

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