Siegfried Lenz – „Lehmanns Erzählungen“

Rating: ★★★★★ 

„Aus den Bekenntnissen eines Schwarzhändlers“, wie es im Untertitel heißt, erzählt uns Siegfried Lenz in seinem kleinen, knapp 100 Seiten kurzen Werk aus dem Jahre 1964, das nun in der 6. Auflage neu erschienen ist.

In der ihm typischen ironischen-heiteren Schreibweise schafft Siegfried Lenz uns Nachgeborenen einen Eindruck, wie es in den ersten Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg zugegangen ist. „Lehmanns“ Erzählungen wurden zuerst in loser Folge im Rundfunk gesendet und aufgrund von Höreranfragen schließlich als Buch veröffentlicht

Man kann gleich zu Anfang die ewig gültigen Marktgesetze kennenlernen, nämlich „welche Möglichkeiten der Mangel birgt, die Knappheit in allen Dingen“. Denn auch in marktgesättigten Zeiten geht es weiterhin darum, „den Mangel der anderen zu beheben“: Gekauft wird auch heute vielfach aus einem vermeintlich oder tatsächlich konstatierten Mangel. Doch heute, in den Zeiten des Überflusses geht das viel einfacher, „wem es an etwas mangelt, der drückt die Klinke des nächsten Geschäfts und deckt seinen Bedarf.“

Wie bei „Hans im Glück“ fängt auch seine Geschichte mit Edelmetall an. Nur anstatt eines Klumpen Goldes kann er 240 silberne Kaffeelöffel ergattern, als der Krieg zu Ende ist. Diese „Startkapital“ versilbert er im wahrsten Sinne des Wortes nach und nach. Doch anders als Hans im Glück, ist er dabei im marktwirtschaftlichen Sinne erfolgreich: Mit jedem Tausch versteht er es, sich ein bisschen „Mehrwert“ zu verschaffen. Er verkauft gestohlene „Spirituosen“ an die englischen Besatzungstruppen, schlachtet Schweine in der Badewanne, besorgt ein altes Denkmal, um einem kranken Opa einen Gefallen zu tun und schmuggelt Wertsachen über die neu entstandene Zonengrenze. Selbst als ihn ein dummer Zufall ins Untersuchungsgefängnis verschlägt, versteht er es, seine Geschäfte von dort aus erfolgreich weiterzuführen.

Holger Heinz Lehmann war der „Künstler des Mangels“, der Meister des „Schwarzen Marktes“ – bis am 20. Juni die Währungsreform seinem Talent ein Ende setzt.

Siegfried Lenz war seinen Angaben nach selbst in Schwarzmarktgeschäfte verwickelt. Es ist daher anzunehmen, dass das Buch autobiografische Züge aufweist. Die Ich-Form des Buches und der intellektuelle Hintergrund von Lehmann weisen jedenfalls darauf hin.

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