Urs Widmer – „Liebesnacht“

Rating: ★★★★★ 

In Boccaccios Decamerone sitzen zehn Florentiner Adlige, die im Pestjahr 1348
aus der Stadt fliehen müssen, zusammen und erzählen sich amüsante Geschichten
von amourösen Abenteuern, um sich die Zeit zu vertreiben

Die Ähnlichkeit mit der Erzählung „Liebesnacht“ ist gewiss nicht zufällig
(wenngleich diese auch deutlich kürzer ist) bei einem professionellem
Schriftsteller wie Urs Widmer. Auch hier, wie schon einige Jahrhunderte früher,
sitzen eine Reihe von Freunden gesellig beisammen und erzählen sich erlebte oder
womöglich auch erdachte Liebesgeschichten.

Vergleiche hinken bekanntlich, aber wenn ich diese wunderschön erzählten
Liebesgeschichten mit den Werken deutscher Großschriftsteller vergleiche, in den denen alternde Herren letzte Grüße im Augenblick der Liebe senden, dann fällt das Urteil literarisch und ästhetisch erbärmlich für eben jene aus.

Nach meinem Geschmack gehört diese Erzählung von Urs Widmer zu seinen besten,
wenn sie nicht gar die beste ist (aber wer vermag das angesichts der Fülle seiner Werke schon abschließend zu beurteilen?).

Seine unbestrittene große poetische Kraft kommt hier wieder einmal mit skurrilen Erzählsequenzen zu Tage, besonders auf den ersten Seiten und den traumhaften letzten Zeilen des Buches.

Nur, wie immer, man muss so etwas mögen. Manch einem mag der Widmersche  Erzählstil, den wir in dieser Hinsicht ruhig einmal mit Gabriel Garcia Marquez in eine Reihe stellen wollen, möglicherweise als zu phantasievoll sein. Aber macht nicht gerade das einen großen Literaten aus?

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