Maarten ‚t Hart – „Die Jakobsleiter“

Rating: ★★★★★ 

Wer die Bücher von Maarten ‚t Hart kennt, war sich immer schon der Tatsache bewusst, dass dieser nicht nur ein ausgezeichneter Kenner klassischer Musik ist, sondern auch ganz offenbar in einem stark religiösen Elternhaus aufgewachsen und in jeder Hinsicht auch heute noch „bibelfest“ ist.

Der Titel „Jakobsleiter“ hat als Begriff seinen Ursprung im Traum des Jakob (Genesis 28, 12), der mittels einer Leiter mit dem Himmel in Verbindung zu gelangen glaubt. Dieser Roman ist Maarten ‚t Harts erster, der die Religion als einziges und zentrales Thema zum Inhalt hat.

Gewiss, vor allem diejenigen Leser werden diesen Roman zu schätzen wissen, die Kenntnisse der Niederlande und deren Religionsgeschichte besitzen. Für andere mag er langweilig sein. Maarten ‚t Hart eröffnet dem Leser mit diesem Buch einen Blick in die vermeintlich so liberalen Niederlande als einer Nation mit über 20 christlichen Glaubensgemeinschaften – mit teils unvorstellbaren archaischen und fanatischen Dogmen.

Ohne je selber dogmatisch zu werden rechnet ‚t Hart in diesem Buch sehr subtil mit den erschreckenden Folgen eines auf die Spitze getriebenen Glaubenswahns ab, der im wesentlichen auf dem Prinzip der Schuld und Sühne basiert. Jede Form von Lebensfreude ist schon den Kindern versagt. Die Zahl der religiöser Eiferer ist groß. Kinder geraten darob auf die schiefe Bahn oder begehen Selbstmord, eben weil sie diese unmenschliche, tragische religiöse Scheinwelt der Erwachsenen nicht verstehen können.

Auch ‚t Hart bzw. sein Protagonist Adriaan Vroklage (ein bezeichnendes Wortspiel) erfährt sich als um einen großen Teil seiner Kindheit und Jugend unnötig beraubt. Adriaan selber bleibt nur die Erinnerung an einen einzigen paradiesischen Sommertag, doch just dieser wird sein Leben verändern.

Ein sehr lesenwertes Buch, das ohne Wertung das unselige Wirken übertriebenen religiösen Tuns plastisch darstellt. „… war mir plötzlich, als zeichnete sich hinter all dem Schmerz über die verlorenen Jahre ein größerer Kummer ab. Meine Schuld, meine Buße war mir lieb geworden, war ein Teil von mir geworden, hatte mich anders als die anderen sein lassen …“

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