Rudi Geisler – „Tränen im Kornfeld“

Rating: ★★★☆☆ 

Die Themen Flucht, Vertreibung und Heimat sind keineswegs nur ein deutsche Themen, auch wenn der 2. Weltkrieg besonders viele Menschen entwurzelt hat.

Ein Besprechung des Buches in der hiesigen Tageszeitung hatte mich neugierig gemacht, weil es die Situation der schlesischen Flüchtlinge in der Nachbargemeinde Syke thematisiert.

Das Buch ist nicht wegen seines „literarischen Wertes“ zu empfehlen, sondern wegen des neugeschichtlich verbrieften Umgangs von Menschen mit Menschen – zudem der eigenen Nation.

„Tränen am Kornfeld“ berichtet über die Familie Rudi Geislers in den ersten zehn Jahren nach dem Zweiten Weltkrieg. Als kleines Kind erlebt Rudi Geisler in Schlesien zuerst die russische Besatzungsmacht, dann die neue polnischen Herrschaft. Über das Verhalten der Soldateska ist hinreichend bekannt, sodass wir uns an dieser Stelle die einschlägige Berichterstattung ersparen.

Geisler schildert seine Erinnerungen bewegend und spannend, verliert dabei aber die aus dem Dritten Reich kommenden Ursachen für die politischen und gesellschaftlichen Bedingungen der Nachkriegszeit nie aus den Augen – Schuldfragen werden ebenso wenig erörtert wie Heimatvertriebeneninteressen.

Der Autor wirft stattdessen vor allem einen persönlichen Blick auf seine neue Heimat Niedersachsen und zeichnet ein Porträt der Stadt Syke und ihrer Umgebung. Er schildert, mit welchen Ressentiments die einheimische Bevölkerung in den Syker Ortschaften den Vertriebenen begegnete.

Geisler beschreibt die Zwangseinquartierung, die Lebensmittelknappheit, die Ungleichbehandlung und auch die Ausnutzung der Vertriebenen durch die Einheimischen. Die unfreiwillig nach Syke gekommenen Schlesier wurden fast immer als Menschen zweiter Klasse behandelt. Noch 1960 wurden die jungen Frauen Sykes  davor gewarnt, einen Flüchtling zu heiraten, der „hinter der Bahn“ wohnte.

Geisler schildert aber ebenso die tiefe Zerrissenheit der schlesischen Vertriebenen untereinander, bis hin zum abgrundtiefen Hass zwischen Katholiken und Protestanten.

Rudi Geisler und sein Bruder haben sich trotz der widrigen Lebensumstände mit Intelligenz und Fleiß durchgesetzt: Der Autor ist pensionierter Oberschulrat, sein inzwischen verstorbener Bruder war Fachleiter in der Lehrerausbildung.

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