Georges Simenon – „Weihnachten mit Maigret“

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Seit vielen Jahren erleben Kriminalromane in bestimmten Regionen oder Städten eine große Nachfrage. Doch ebenso so schön sind Romane, die einen bestimmten saisonalen Hintergrund haben.

Denn Rituale spielen im menschlichen Leben eine große Rolle, besonders an Fest- und Feiertagen. Und so wie es ein Ritual sein kann, den Sonntagsbraten zu sezieren oder eine besonders gute Flasche Schampus zu Sylvester zu köpfen, so kann der Leser Erzählungen genießen, die genau in jenem Jahreszyklus stattfinden, in dem er, der Leser, sich gerade befindet.

Auch für die Weihnachtszeit bieten eine Reihe von Autoren spannende Geschichten an. Ein Muss für jeden Liebhaber von Kriminalromanen ist „Weihnachten mit Maigret“ – den man jedes Jahr aufs Neue lesen kann, genau so wie John Grishams „Das Fest“. „Hercule Poirots Weihnachten“ hingegen hat nur wenig weihnachtlichen Bezug. Die Geschichte hätte zu jeder Jahreszeit spielen können – soweit zur Irreführung durch seine Autorin Agatha Christie.

Es ist also Weihnachten bei den Maigrets. Wir schreiben vermutlich das Jahr 1949. Es ist der erste Weihnachtstag. Es ist zehn Minuten nach acht. Maigret steht auf und ist noch müde vom Theaterbesuch am Vorabend. Der Restaurantbesuch danach musste ausfallen, weil alle Tische für das Festessen am Heiligabend bereits reserviert waren. So waren seine Frau und er zu Fuß nach Hause gegangen und hatten kurz vor Mitternacht „Bescherung“ gemacht: Eine neue Pfeife für Maigret, eine elektrische Kaffeemaschine für Madame.

Beide sind am nächsten Tag in einer rührseligen Stimmung, wohl bedingt durch das Weihnachsfest. Denn Maigrets haben keine Kinder, was beiden an solchen Tagen besonders bewusst wird, denn: „In den meisten, wenn nicht sogar in allen Häusern lebten Kinder„, die gleich draußen ihr neues Spielzeug auf dem Boulevard Richard-Lenoir ausprobieren würden. „Einmal – das war vor einigen Jahren gewesen – hatte er, etwas leichthin gesagt: „Warum sollten wir zu Weihnachten nicht einmal eine kleine Reise machen?“  – „Wohin?“, hatte ihn seine Frau mit ihrem unbestechlichen guten Menschenverstand geantwortet.  Zu wem hätten sie fahren sollen? Sie hatten nicht einmal Angehörige , die sie hätten besuchen können, außer ihrer Schwester, die zu weit weg wohnte.“

Nun steht Maigret, immer noch im Morgenmantel, seine neue Pfeife stopfend, am Fenster: „Was beobachtest Du?“ – „Nichts … Frauen …“ – „Was machen sie?“ – „Es sieht so aus, als kämen sie zu uns.“ Da klingelt es auch schon an der Tür und die Geschichte, die im Boulevard Richard-Lenoir, gleich gegenüber von Maigrets Wohnung spielt, nimmt ihren Lauf. Maigret ist das gar nicht recht: „Es schien ihm, als fehle ihm der Abstand zu den Menschen und den Dingen, als betrachte er sie nicht kühl, nicht unbelastet genug.“

„In neun von zehn Fällen führte ihn eine richtige Untersuchung von einer Stunde zur anderen in eine neue Umgebung, und er musste sich mit Leute auseinandersetzen, deren Welt er gar nicht oder nur wenig kannte, musste alles kennenlernen, bis hin zu den kleinsten Angewohnheiten und deren Schrullen einer sozialen Schicht, in der er sich nicht auskannte.“

Es sind solche Reflexionen, die Maigret-Romane so wohltuend von modernen Krimis unterscheiden.

Vielleicht ist dieser Maigret einer der persönlichsten, die Georges Simenon über seinen Romanhelden geschrieben und in dem er zwangsläufig – wie jeder Schriftsteller – auch etwas über sich selber mitgeteilt hat?

Fazit: Ein schöner jahreszeitlicher Krimi – auch wenn einer der eher kurz geratenen von weniger als 100 Seiten. Beendet hat Georges Simenon ihn am 30. Mai 1950.

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