Friedrich Dürrenmatt – „Der Auftrag“

Rating: ★★★☆☆ 

Beginnen wir die Rezension mit der Einschätzung, dass diese Kriminalnovelle ein merkwürdiges Stück Literatur ist. Schon der Unterttiel deutet dies an:

„Vom Beobachten des Beobachters der Beobachter.“ Es ist ein Regiment des Misstrauens, das Dürrenmatt vier Jahre vor seinem Tod im lakonischen, nüchternen Stil erstaunlich weitsichtig imaginiert. Denn wir schreiben das Jahr 1986, als Dürrenmatt mit diesem apokalyptischen Stück der Umweltzerstörung und des Waffenhandels aufwartet, in dem es nur so von islamischem Fundamentalismus wimmelt. Wir sind Zeuge eines tiefenpsychologischen Schauerstücks.

In 24 Sätzen (was nur allegorisch gemeint sein kann, da das Buch 132 Seiten umfasst) gerät eine Filmjournalistin in eine Mordgeschichte und wird bei der Auftragssuche nach der Wahrheit selber in eine wirrwitzige Geschichte verwickelt: Die Filmemacherin F. soll eine Dokumentation drehen über die in einem muslimischen Land angeblich vergewaltigte und getötete Tina von Lambert, die Frau des Psychiaters Otto von Lambert. Dieser hatte einst für Aufsehen gesorgt durch seine Weigerung, am internationalen Anti-Terroristenkongress arabische Freiheitskämpfer als Terroristen zu bezeichnen.

F. gerät in den Machtkampf zwischen Polizei und Geheimdienst, wird verhaftet, wieder freigelassen, wohnt der Exekution eines jungen Dänen bei, der wiederum eine Dänin ermordet haben soll, die mit der gesuchten Tina verwechselt wurde und gerät an den wahren Mörder, einen vom Vietnamkrieg traumatisierten Soldaten – alles in allem ein schwerer Albtraum.

Der Auftrag ist der Versuch, die Paranoia des Kalten Krieges literarisch umzusetzen. Doch ist es vor allem das Dürrenmatt’sche Baugesetz einer fortwährenden Verkomplizierung durch das Transponieren des gerade Gesagten auf eine neue Betrachtungs- und Tonart, die das Lesen bzw. Hören schwer macht.

Das Hörbuch wird auf 2 CDs und 150 Minuten ungekürzt vorgelesen von Charlotte Kerr (Dürrenmatts zweite Ehefrau) und Gert Heidenreich. Die dritte CD mit 53 Minuten Spielzeit darf man als Bonus CD, die den Satz 1 bis 11 umfasst, bezeichnen – eine Werkstattlesung vom Autor und Charlotte Kerr.

Charlotte Kerr lässt bis zum Schluss nicht davon ab, Dürrenmatts Erkenntnis, hier habe Nüchternheit zu walten, in eine ernüchternde Praxis zu überführen. Gert Heidenreich versucht immerhin durch Tempowechsel, Pausen, Intonation etwas Leben in dieses morbide Stück zu bringen.

Dieser Beitrag wurde unter 3 Sterne, Novelle abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar