Friedrich Dürrenmatt – „Der Verdacht“

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Friedrich Dürrenmatt ist einer der großen deutschsprachigen Schriftsteller und wenigen Moralisten – und er gehört zu den großen Kriminalschriftstellern der Moderne.

Dürrenmatts Kriminalromane werfen nämlich die philosophische Frage auf, wer die Menschen daran hindert, Böses zu tun, wenn sie an keine höhere Macht glauben? So lässt Dürrenmatt den Arzt Emmenberger sagen:

Wie die Christen an drei Dinge glauben, die nur ein Ding sind, an die Dreieinigkeit, so glaube ich an zwei Dinge, die doch ein und dasselbe sind, […] Ich glaube an die Materie, die gleichzeitig Kraft und Masse ist, […] wie schäbig und leer ist es daneben, zu sagen, ‚Ich glaube an einen Gott‘“.

Aus diesem ausschließlichen Glauben an wissenschaftlich greifbare Dinge leitet Emmenberger eine grenzenlose Freiheit ab, die keine Verpflichtungen hat, als das zu tun, was er möchte.

Ein wiederkehrendes Motiv in Dürrenmatts Kriminalromanen ist auch das „unentdeckte Verbrechen“. Und wie schon Dürrenmatts erster Roman um Kommissär Bärlach, „Der Richter und sein Henker“, endet auch „Der Verdacht“ nicht mit der gerichtlichen Verurteilung des Täters, sondern mit dessen Tötung.

Doch zur Handlung: Dürrenmatts Kommissär Hans Bärlach, am Ende seiner Polizeikarriere angekommen und an Krebs leidend, erholt sich im Krankenhaus Salem von einer schweren Operation. Sein Freund, der Arzt Samuel Hungertobel, erbleicht beim Anblick eines Fotos im Magazin „Life“: Der Abgebildete soll der deutsche Arzt Nehle sein, der im Konzentrationslager Stutthof bei Danzig grausame Operationen an Häftlingen vorgenommen hatte, ohne sie zu narkotisieren. Hungertobel meint, eine Ähnlichkeit zwischen Nehle und seinem Studienkollegen Emmenberger festzustellen, der allerdings während des Krieges in Chile weilte und nun ein Sanatorium in den Bergen leitet.

Bärlach schöpft den Verdacht, dass Nehle und Emmenberger entweder die Rollen getauscht oder aber ein und dieselbe Person sind. Vom Krankenhaus aus beginnt der Kriminalist seine Recherchen.

Einen kongenialeren Sprecher als Hans Korte (*1929) ist für dieses Hörbuch Dürrenmatts wohl kaum vorstellbar – mit Einschränkung der tatsache, dass man sich hier auch einen dialektalen Sprecher hätte vorstellen können. Korte schnauft und ringt nach Atem, kollert guttural und bringt sein Bass zum Tragen, ganz so, wie man es vom alten und todkranken Kömmissär Bärlach erwarten würden. Dass die beiden sich auch noch bis aufs Haar ähnlich sehen, dürfte allerdings eher dem Zufall geschuldet sein.

Das Hörbuch umfasst 4 CDs und 263 Minuten Laufzeit. Das Booklet ist allerdings mehr als mager. Kein Wort zum Werk, nur eine Inhaltsübersicht.

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