Friedrich Dürrenmatt – „Der Richter und sein Henker“

Rating: ★★★★★ 

Ich entsinne mich schwach, dieses Buch in der achten oder neunten Klasse gelesen – und nicht verstanden zu haben. Jahrzehnte später nun eine Wiederbegegnung.

„Der Richter und sein Henker“ ist Friedrich Dürrenmatts erster Kriminalroman.  Nach zwei Theaterstücken und zwei Erzählungen veröffentlichte Friedrich Dürrenmatt 1950/51 den Kriminalroman „Der Richter und sein Henker“ als Fortsetzungsgeschichte in der Zeitung „Der Schweizerische Beobachter“. 1952 erschien die Buchausgabe. Damit schaffte er seinen Durchbruch als Autor.

Dürrenmatts Kommissär Hans Bärlach will beweisen, dass unkalkulierbare Zufälle das perfekte Verbrechen unmöglich machen und zur Überführung der Täter beitragen. Wir erleben fortan den klassischen Kampf des Guten gegen das Böse. Bereits in seinen frühen Jahren bei der Istanbuler Polizei ist Bärlach auf seinen moralischen Antagonisten getroffen, der heute Gastmann heißt:

„Deine These war, dass die menschliche Unvollkommenheit, die Tatsache, dass wir die Handlungsweise anderer nie mit Sicherheit vorauszusagen, und dass wir ferner den Zufall, der in alles hineinspielt, nicht in unsere Überlegung einzubauen vermögen, der Grund sei, der die meisten Verbrechen zwangsläufig zutage fördern müsse. Ein Verbrechen zu begehen nanntest du eine Dummheit, weil es unmöglich sei, mit Menschen wie mit Schachfiguren zu operieren. Ich dagegen stellte die These auf, mehr um zu widersprechen als überzeugt, dass gerade die Verworrenheit der menschlichen Beziehungen es möglich mache, Verbrechen zu begehen, die nicht erkannt werden könnten […]“

Wenn bereits auf der ersten Seite ein Mordopfer entdeckt wird, mag man glauben, dass es in um die Aufklärung der Tat und die Überführung des Verbrechers geht. Doch Hans Bärlach weiß von Anfang an, wer der Mörder ist.

Dabei ist Bärlach ein todkranker älterer Mann, er scheint hilflos – und doch zieht er die Fäden im Hintergrund. Dürrenmatts Kommissär stellt sich außerhalb jedes Gesetzes, indem er einen kleinen auf einen großen Verbrecher ansetzt, sich selbst zum Richter aufschwingt und einen ahnungslosen Mörder als Henker missbraucht. Autor und sein Kommissär sind genuine Adepten des Existenzialimus der 50er Jahre, die Grenze zum Nihilismus ist fließend:

„Vielleicht hat Gastmann mehr Gutes getan, als wir drei zusammen, die wir hier in diesem schiefen Zimmer sitzen. Wenn ich ihn schlecht nenne, so darum, weil er das Gute ebenso aus einer Laune, aus einem Einfall tut wie das Schlechte, welches ich ihm zutraue. Er wird nie das Böse tun, um etwas zu erreichen, wie andere ihre Verbrechen begehen, um Geld zu besitzen, eine Frau zu erobern oder Macht zu gewinnen, er wird es tun, weil es sinnlos ist, vielleicht, denn bei ihm sind immer zwei Dinge möglich, das Schlechte und das Gute, und der Zufall entscheidet.“

Mit solchen kurzen, trockenen Sätzen und lapidaren Dialogen führt Friedrich Dürrenmatt seine Leser mehrmals in die Irre und erzählt eine raffinierte wie überaus spannende Kriminalgeschichte.

Das Bärlach-Porträt setzt Dürrenmatt in dem Roman „Der Verdacht“ fort. Die grundlegende Kritik an der Figur des Detektivs, der richtig ermittelnd zum falschen und falsch ermittelnd zum richtigen Ergebnis kommt, findet seine Fortsetzung in dem Roman „Das Versprechen.“ Das Hörbuch wird kongenial von Hans Korte ungekürzt auf 3 CDs und 201 Minuten vorgetragen.

P. S.: Mich beschleicht einmal mehr der Verdacht, dass Schule Schüler mit Texten überfordert, die sich erst dem erwachsenen und vollends reifen, abgeklärten Menschen möglicherweise erschließen. Oder sollte ein Fünfzehnjähriger den Begriff „Nihilismus“ abgesehen von einer synonymischen Deutung je verstehen können?

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