Trygve Gulbranssen – „Und ewig singen die Wälder“

Rating: ★★★★☆ 

Die Bücherschränke deutscher Haushalte der 50er und 60er Jahre waren ohne die Publikationen des „Bertelsmann Lesering“ nicht denkbar. Dabei handelte es sich um eine Buchgemeinschaft mit Sitz im ostwestfälischen Rheda-Wiedenbrück, die 1950 gegründet wurde. Später wurde dann in „Club Bertelsmann“ umfirmiert.

Das Unternehmen vermarktete Bücher direkt an die Leser, also unter Ausschaltung des Buchhandels. Die Bücher unterschieden sich meist in der Umschlaggestaltung von den Originalen. Sie konnten dadurch billiger angeboten werden, weil sie als neue Ausgabe des Werkes galten und daher nicht der Buchpreisbindung unterlagen. Mitglieder waren verpflichtet, mindestens einmal im Vierteljahr ein Produkt zu kaufen. In seinen besten Zeiten hatte der Club über 6 Millionen Mitglieder.

Wer in den 50er Jahren groß geworden ist, dem sind von Bertelsmann verlegten Buchtitel wie „Soweit die Füße tragen“, „Die Caine war ihr Schicksal“, „Die Brücke am Kwai“ usw. in der Erinnerung eingebrannt. Auch der vorliegende Titel gehört dazu. Grund genug, sich einmal so einen Titel vorzunehmen.

Trygve Gulbranssen (* 15. Juni 1894 in Oslo; † 10. Oktober 1962) schrieb die Trilogie, die Bertelsmann als Zweiteiler herausgab (Teil 2: „Das Erbe von Björndal“) in den Jahren 1935 und 1936.

Der erste Band „Und ewig singen die Wälder“ erzählt eine norwegische Familiensage im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert. Im Mittelpunkt steht der Großbauer Dag Björndalen, dessen Leben durch die Verbundenheit mit der Natur geprägt ist.

Die Handlung selbst ist eher unspektakulär. Im Mittelpunkt stehen die inneren Konflikte der Figuren, an erster Stelle die der Hauptfigur, dem „alten Dag“. Die Ereignisse werden in einer stellenweise schicksalsschweren Tonlage erzählt, was zum Sagenhaften dieser Erzählung beiträgt.

Gulbrannsen beschreibt ein Moralverständnis, nach dem Recht und Unrecht in erster Linie aus der Tradition der eigenen Familie bestimmt sind. Aber die Zeiten wandeln sich. Das bloße Festhalten an dem, was einst „Mannespflicht“ war, trägt nicht mehr.

So wie Thomas Mann in seinem Roman „Die Buddenbrooks“ von der Ablösung tradierter Familien durch die Geldwelt berichtet oder Theodor Fontane vom Ende der Monarchie und dem Beginn des Bürgertums, so beschreibt Gulbrannsen das Ende spätfeudaler ländlicher Strukturen.

In dieser Hinsicht hat der Roman durchaus seine Berechtigung, im gleichen Atemzuge mit Titeln der o. a. Großschriftsteller des 19. bzw. 20. Jahrhunderts genannt zu werden, auch wenn er literarisch nicht annähernd in deren Nähe kommt.

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