Julian Barnes – „Vom Ende einer Geschichte“

Rating: ★★★★☆ 

Was ist Geschichte? Protagonist Tony Webster antwortet seinem Geschichtslehrer, Old Joe Hunt, auf diese Frage, Geschichte sei, „die Summe der Lügen der Sieger“. Ein dezidierter Standpunkt.

Dabei ist „Geschichtsklitterung“ nicht nur ein geläufiger Vorwurf, sondern ein wissenschaftlich nachgewiesenes psychologisches Verarbeitungsmuster: Um zu überleben formt die Erinnerung das Erlebte im Laufe der Jahre so zurecht, dass der Mensch sich selber im bestmöglichen Licht sehen kann – die Psyche sorgt so für ein möglichst sorgen- und spannungsfreies Überleben!

Unsere Erinnerung ist ein “unzuverlässigen Einwohner”, zugleich jedoch ein hilfreicher, nach dem Motto: “Ja, das ist nicht die Wahrheit. Aber so gefällt sie mir besser!” Möglicherweise ist unser trügerisches Gedächntnis überlebenswichtig, wenn es darum geht, Belastendes oder Schreckliches zu bewältigen. Die Wahrheit ist nämlich manchmal unbequem. Und so gibt es “die“ Wahrheit nie, nur jene Variante, mit der wir am besten leben können. Der Titel des Buches hätte mithin auch „Vom Ende DER Geschichte“ lauten können.

Die klügste Antwort in der Klasse gibt der neue Schüler Adrian, der sagt, Geschichte sei „die Gewissheit, die dort entsteht, wo die Unvollkommenheiten der Erinnerung auf die Unzulänglichkeiten der Dokumentation treffen“.

Julian Barnes geht es in seinem neuen Buch um Trugschlüsse, denen der Einzelne über die Erschütterungen seines Lebens manchmal aufsitzt. „Vom Ende einer Geschichte“ ist eine  philosophische Reflexion über seelische Schäden und darüber, wie Menschen mit diesen Beschädigungen umgehen, sich ihnen stellen oder sie zu verdrängen versuchen.

Das Leben besteht nach Julian Barnes aus zwei Hälften: In der ersten wird es gelebt, in der zweiten interpretiert. Und beide Hälften beruhen auf einer Selbsttäuschung: Die Jugend erfindet eine schönere Zukunft, das Alter eine schönere Vergangenheit.

Im Zentrum der Novelle, die sich Roman nennt, stehen vier Freunde aus Schulzeiten, was im ersten  Teil erzählt wird: Anthony (Tony genannt, der Narrator), Adrian (der neue Schüler), Alex und Colin. Im zweiten Teil erleben wir den Rückblick auf eben diese Schulzeit. Mit deren Ende  werden die vier Jungen von der Realität eingeholt, von Statusunterschieden, Elitedünkeln, Karrieren. Adrian, der Begabteste, geht mit einem Stipendium nach Cambridge, Tony muss sich mit einem Studienplatz für Geschichte in Bristol zufrieden geben.

Barnes thematisiert am Beispiel der unbewältigten Schuld Tony Websters die fragliche Verlässlichkeit von Erinnerung und die Unumkehrbarkeit von Ereignissen. Tony will bis zuletzt nicht wahrhaben, wie zerstörerisch er in das Leben der Anderen eingegriffen hat, auch wenn er sich selbst als „friedfertig“ bezeichnet, in Wahrheit aber er ein feiger Mitläufer ist, der sich ins scheinbar Unabänderliche einer mittleren Laufbahn, einer mittleren Ehe und eines mittleren Eigenheims fügt. Doch damit nicht genug, er ist auch ein Intrigant und alles andere als integer. Er ist „Pharisäer“, ein Menschen mit wenig Rückgrat und Selbstbewusstsein, jemand mit ausgesprochenen Judas-Qualitäten, jemanden, dem man nicht trauen oder vertrauen kann.

Die richtige Antwort über das, was Geschichte ist, legt Barnes dem Lehrer Hunt in den Mund, der Tony daran erinnert, er solle im Auge behalten, dass Geschichte „auch die Summe der Selbsttäuschungen der Besiegten ist“.

Adrian hält dem entgegen: „Das ist doch das Kernproblem der Geschichtsschreibung, nicht wahr, Sir? Die Frage der subjektiven gegenüber der objektiven Interpretation, die Notwendigkeit, die Geschichte des Geschichtsschreibers zu kennen, damit wir verstehen, warum uns gerade diese Version unterbreitet wird.“

Dieses überaus erfolgreiche Buch spricht vielleicht deshalb so viele Leser an, weil sie sich im Barne’schen Antihelden Webster ein Stück weit selbst wiedererkennen – in ihrer ganzen Mittelmäßigkeit, selbst gezimmerten und selbstgerechten Vita.

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