Rolf Dobelli – “Die Kunst des klaren Denkens”

Meine Bewertung: ★★★★☆ 

Unser Denken, schreibt Rolf Dobelli, sei eher vergleichbar mit einem Anwalt als mit einem Wissenschaftler. Anwälte sind gut darin, die bestmögliche Begründung einer bereits getroffenen Entscheidung zu konstruieren, den Wissenschaftler interessiere hingegen die Wahrheit.

Dobelli promovierte in St. Gallen mit einer Dissertation zum Thema  “Dekonstruktion des ökonomischen Diskurses” und veröffentlichte die vorliegenden 52 kurzen Texte  zwischen 2011 zunächst in einer wöchentlichen Kolumne in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und der Schweizer SonntagsZeitung.

Als Kolumne auf jeweils drei Seiten begrenzt, stellt Dobelli verschiedene Denkfehler vor. Er untermauert diese mit wissenschaftlichen Studien. Teilweise sind es alte Lamellen die Dobelli hier aus dem Hut zaubert, mit Anekdoten garniert und aus seinem Fundus wieder ans heutige Licht zerrt, doch das schmälert das Lesevergnügen nicht. Denn Dobellis Allgemeinwissen ist ansehnlich. Er rekurriert auf Freud ebenso wie auf C.G. Jung, die Bibel oder Äsop.

Warum begeht der Mensch überhaupt Denkfehler? Dobelli verwirft die sog. “heiße Theorie”, in der Emotionen und Vernunft wie Pferd und Reiter unterschieden werden. Er vertritt die “kalte Theorie”, der zufolge unser Denken fehleranfällig ist, weil unser Gehirn immer noch dem der Jäger und Sammler entspricht. Doch, was einst als Reflex überlebenswichtig war, habe heute oft seine Sinnhaftigkeit verloren. Das einst intiutive Verhalten sei in der modernen Welt eher störend. Heute empfehle sich ausgiebiges Nachdenken. Ein unzweifelhaft gewichtiges Argument.

Die überwiegend englischen Bezeichnungen der Denkfehler, wie z. B. „The Survivorship Bias“, „The Base-Rate Neglect“ oder „The Conjunction Fallacy“ sind vermutlich der Tatsache geschuldet, dass die meisten psychologischen Studien inzwischen auf Englisch publiziert werden und legen nahe, dass der Autor sein Wissen tendenziell dem amerikanischen Sprach- und Kulturraum entnommen hat - was sich als Denkfehler der Kategorie “Groupthink” erweisen könnte.

Auch wenn das Buch letztlich nichts Anderes als das von Dobelli selbst vorgestellte “Chauffeur-Wissen” vermittelt – eine Bezeichnung für oberflächlich angeeignete und
publikumswirksam vorgetragene Kenntnisse, die angeblich auf Max Planck zurückgeht, der sich einmal bei einem Vortrag von seinem Chauffeur vertreten ließ und währenddessen incognito im Publikum saß – so ist der Unterhaltungswert gleichwohl hoch.

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