Georges Simenon – „Maigret und das Schattenspiel“

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Im Hinterhaus des Place des Vosges Nummer 61 liegt das Laboratorium von Dr. Rivières Seren, welches Monsieur Raymond Couchet gehört. Doch der liegt tot vornüber über auf seinem Schreibtisch.

Der Tresor, in dem sich die anstehenden Gehaltszahlungen in Höhe von 360.000 Francs befinden sollen, steht offen und ist leer. Er wird durch Couchets Leiche versperrt, so dass in Kommissar Maigret schnell der Verdacht aufsteigt, es handle sich nicht um einen einfachen Raubmord, da der Diebstahl dem Mord vorausgegangen sein muss.

Hinter einem der noch erleuchteten Fenster gegenüber im Innenhof zeichnet sich die Silhouette einer wütend gestikulierenden Frau ab – ein Schattenspiel, dessen Bedeutung dem Kommissar erst viel später deutlich wird.

Maigret hegt schon schnell die Vermutung, dass der Täter nicht von außen gekommen ist und ermittelt im persönlichen Umfeld des Toten. Doch die Familienverhältnisse dieses düsteren Familiendramas sind etwas kompliziert: Eine Ex-Frau mit gemeinsamem Kind und einem zweiten Ehemann, eine aktuelle Ehefrau, eine Geliebte, ein drogenabhängiger Sohn nebst Freundin.

Die erste Frau hat ihren Mann verlassen, als er noch arm war, Ihr zweiter Mann, Monsieur Martin, ein kleiner Beamter mit einer sicheren Pension, erschien ihr damals verlockender. Doch dann wurde ihr erster Mann erfolgreich, das ist bitter.

Das Vermögen von Couchet soll laut seinem letzten handschriftlichen Willen gedrittelt werden: Ein Teil für seine Frau, ein Teil für seine Ex-Frau und ein Teil für seine Geliebte, Nine. Sein Sohn geht leer aus. Das ist Motiv genug für alle Beteiligten.

Simenon beschreibt ein statisches und undurchlässiges Gesellschaftsbild. Sicher nicht ganz zufällig sind ihm die drei Frauen zu einem Abbild sozialer Schichten geraten und symbolisieren Großbürgertum, Kleinbürgertum und Subkultur. Jede Figur verharrt in ihrem angestammten Milieu. Von Nine heißt es an einer Stelle, dass sie niemals zu Geld kommen werde; die Ex-Frau würde zwar gerne aufsteigen, aber das gibt ihr so gar nicht ehrgeiziger zweiter Mann nicht her; der Aufsteiger Couchet wird im Großbürgertum seiner zweiten Frau nicht heimisch- er betrügt seine vornehme Frau mit einer einfachen Geliebten. Keines der vorgestellten Milieus wird als wirklich erstrebenswert hingestellt.

Der Roman gehört zur ersten Staffel von 19 Romanen der insgesamt 75 Romane und 28 Erzählungen umfassenden Reihe um den Kriminalkommissar Maigret. Mit der Place des Vosges wählte Simenon dabei einen ihm vertrauten Handlungsort: Er selbst hatte dort von 1924 bis 1929 gewohnt, wenngleich die im Roman genannte Hausnummer 61 nicht existiert.

Der Platz wird von lediglich 36 Wohnhäusern umsäumt. Man vermutet inzwischen, dass Simenon den Schauplatz am Ort seiner ehemaligen Wohnung im Haus N° 21 ansiedelte – in dessen Innenhof betrieb seinerzeit die Firma Hoffmann-La Roche ein pharmazeutisches Labor.

Simenon-Romane sind bei aller Phantasie eben immer präzise Sozialstudien.

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