Hans Fallada – „Bauern, Bonzen und Bomben“

Rating: ★★★★★ 

Diese Rezension bezieht sich auf das Hörbuch von Osterwold audio.

Kein egringerer als der großartige Otto Sander fungiert als auktorialer Erzähler. Er und 60 weitere Sprecher machen das Buch mit großer epischer Wucht zu einem phantastischen Hörspiel aus dem Jahre 1997.

Der Roman – mancher würde wohl eher von einer Chronik sprechen – erschien im Jahre 1931 im Rowohlt-Verlag. Hans Fallada (1893 – 1947) verarbeitete darin historische Ereignisse um die schleswig-holsteinische Landvolkbewegung und deren Boykott der Stadt Neumünster. Fallada selber hatte im Jahre 1929 als Hilfjournalist einer Lokalzeitung über die Ereignisse dort berichtet – und verlegte die Handlung für seinen Roman lediglich ins fiktive pommersche Altholm.

Den Bauern geht es nicht gut. Sie können oftmals ihre Steuern nicht bezahlen. Als aufgebrachte Bauern eine Viehpfändung durch Gerichtsvollzieher vereiteln, gerät in Altholm die Welt aus den Fugen: Die Bauern boykottieren die Stadt.

Gleichzeitig zieht der kleine Zirkus Monte mit nur einem Kamel und zwei Affen sinnbildlich wie ein roter Faden durch den Roman: Man lebt von der Hand in den Mund, hat seinen Zenith schon längst überschritten und tingelt doch weiter von Kleinstadt zu Kleinstadt, um irgendwie über die Runden bzw. ins Winterquartier zu kommen.

Bei einer Demonstration der Bauern will die Regierung Stärke zeigen und entfacht mit zwei Hundertschaften unnötigen Krawall mit Verletzten auf beiden Seiten. Wenige Tage später explodiert eine Bombe im Rathaus, richtet aber nur Schrecken und Sachschaden an.

Schuldige werden gesucht, denen man die Verantwortung für die aus dem Ruder gelaufene Veranstaltung geben kann. Die Kommunalpolitik treibt bizarre Blüten. Der schwergewichtige unf gewiefte Bürgermeister, der Sozialdemokrat, der Bonze wehrt sich zwar diplomatisch geschickt – er ist die schillerndste Figur in diesem Panoptikum – muss aber schließlich abdanken, denn es stehen Wahlen an, und da kann seine Partei keine negative Presse gebrauchen. Doch er fällt weich, die Genossen verschaffen ihm eine neue und noch attraktivere Stelle.

Keine der vielen Figuren weckt wirklich Sympathien – die protestierenden Bauern wirken borniert und engherzig, die örtliche Journaille verhält sich dilettantisch, die Politiker provinziell. Eine saubere Weste hat hier keiner. Jeder intrigiert gegen jeden, nötigt und erpresst. Wir erleben die ganze Phalanx von Feiglingen, Dummköpfen, Betrügern und Lügnern.

Fallada bietet auch mit diesem Roman ein überaus realistisches Bild des Elends in der Zeit der Weimarer Republik.

Das Hörbuch umfasst 5 CDs mit insgesamt fast sechs Stunden Hörzeit. Ein 16-seitiges Booklet erhellt die Hintergründe.

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