Ulli Olvedi – „Über den Rand der Welt“

Rating: ★★★★☆ 

Das Leben überlebt niemand“ – doch wer will das schon wirklich wahrhaben?

Bereits die autobiographischen Bücher von Tiziano Terzani haben uns mit dem Tod und dem Versuch, ihm auf Augenhöhe zu begegnen, beschäftigt. Nun also die Autorin Ulli Olvedi, die in München und Kathmandu lebt: „Du bist in dem Alter, da sterben einem die Leute weg.“

Manchmal ist der Tod schnell, manchmal lässt er sich Zeit. Nicht nur der Körper schmerzt, auch die Seele leidet. Besonders aber der Geist rebelliert gegen diese Einmischung in sein Leben.

Sterben besteht vor allem im Loslassen. Doch genau das fällt dem materiell verwöhnten westlichen Menschen schwer: „Alles hergeben. Meine Hoffnungen hergeben. Mein Glück hergeben. Mich hergeben.“

Nora, die Protagonistin, lässt ihr ganzes Leben noch einmal Revue passieren, versucht aus der Bahn gelaufene Dinge noch ins rechte Lot zu bringen, Ungesagtes zu sagen und Ungeklärtes – besonders mit ihrer jüngeren Schwester Lisa – zu klären: „Sich klarer sehen, Fehler als Fehler erkennen, Lebensmuster bewusst machen.“ Und das hat so gar nichts mit Reue oder Sühne, sondern vielmehr mit „Versöhnung“ zu tun. Und vielleicht gibt es doch Zusammenhänge, „die existieren, auch wenn wir sie nicht erkennen?“

Wie mit dem Unausweichlichen umgehen, zwischen Glauben und Zweifel balancieren, wenn sein Kommen nicht mehr nur ein Phantasiegebilde ist, sondern Fakt? „Du kannst glauben oder nicht glauben, was du willst. Nicht glauben ist glauben mit negativen Vorzeichen. Balance ist anders. Balance hat etwas mit entspanntem Geist zu tun.“

Nora unternimmt noch eine Reise nach Kathmandu. Ihr zur Seite steht die befreundete Tibetanerin Wangmo. Sie steht für die „Balance“, die der Buddhismus lehrt – das „Sowohl-als-auch“ oder wu wei. Wangmo predigt: „Nicht kämpfen! Frieden schließen!“

Doch geht es in diesem Buch nicht um Religion, es geht vielmehr um Spiritualität. Und das ist ein großer Unterschied: Viele Religionen betrachten sich schon lange nicht mehr als Diener der Spiritualität, sondern als deren Besitzer. Welch fataler Irrglaube!

Und wohin geht ein von einer christlich geprägten Kultur sterbender Mensch? Was soll er mit einem aus dem Orient stammenden, zürnenden und rachsüchtigen Gott, dessen Hölle und Fegefeuer, Jungfrauengeburt, Auferstehung im Fleische, Hexenverfolgung, Ketzerverbrennung, monotheistischen Alleinvertretungsanspruch? „Vielleicht ist das die Zukunft: Spiritualität ohne Religion.“

„Kein schrecklicherer Gedanke, als im Krankenhaus sterben zu müssen.“ Liebevoll betreut von ihrer „Sterbefamilie“, ihren Freundinnen und Nachbarn gelangt Nora an den Rand ihrer Welt. Dort erfährt sie, was „Interdependenz“ ist, nämlich „alle mit jedem verbunden, alle von jedem abhängig, alle auf jeden wirkend. Ein unendliches Netz durch Raum und Zeit.“

Das Buch von Ulli Olvedi bezeichnet sich als „Roman“. Es fällt schwer, es als solchen  lesen, ebenso schwer, wie die Tatsache anzuerkennen, dass das Sterben vermutlich die beste Erfindung des Universums sein könnte. Doch dafür nimmt  die Autorin bzw. ihre Protagonistin sich bzw. ihren Tod als zu wichtig.

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