Hans Pleschinski – „Königsallee“

Rating: ★★★★★ 

Ganz im zeitgeistigen Sinne und im Stile ähnlich der Erzähltechnik eines Florian Illies, kommt uns dieses Buch von Hans Pleschinski daher:

Aus dem Blickwinkel verschiedener Protagonisten wird der Besuch von Thomas Mann, seiner Frau Katia und Tochter Erika in Düsseldorf im Jahre 1954 anlässlich einer Lesung seines „Felix Krull“ szenisch abgelichtet. Dies ist der objektive Teil des Romans, den der Autor mit je einem Kapitel um Personen ausschmückt – die mit Gewissheit dort damals nicht anwesend waren und die den Mannschen Aufenthalt parlierend umkreisen. Ein wahres Panoptikum!

Es erscheinen Tochter Erika Mann, ihr Bruder Golo, der Lyriker Ernst Bertram und eben Klaus Hauser. In Momentaufnahmen und Nah- und Ferneinstellungen erstellt Pleschinski eine 360 Grad Rundumaufnahme.

Als Basis für diesen Roman dienten Pleschinski offenbar Details aus Klaus Heusers Nachlass (bei seinen Nachforschungen hatte die Düsseldorfer Nichte Heusers ihm bisher unbekannte, noch nicht veröffentliche Briefe übergeben) sowie die Tagebucheinträge Thomas Manns, in denen er sein Zusammentreffen mit dem jungen blonden Klaus Heuser einst notiert hatte:

„Las lange in alten Tagebüchern aus der Klaus-Heuser-Zeit, da ich ein glücklicher Liebhaber. Das Schönste und Rührendste der Abschied in München, als ich zum erstenmal‚ den Sprung ins Traumhafte‘ tat und seine Schläfe an meine lehnte. Nun ja – gelebt und geliebet. Schwarze Augen, die Tränen vergossen für mich, geliebte Lippen, die ich küßte – es war da, auch ich hatte es, ich werd es mir sagen können, wenn ich sterbe.“ (Tagebucheintrag TM vom 20. Februar 1942)

Auf Sylt hatte sich der Schriftsteller einst im Jahre 1927 in den damals siebzehnjährigen Heuser, ein Freund seiner Kinder, unsterblich verliebt und ihm in der Figur des Joseph und des Felix Krull ein Denkmal gesetzt. Pleschinski wollte wissen, was aus diesem Klaus Heuser geworden ist, der so ein zentrale Rolle im Th. Manns Leben gespielt hatte.

Wohl nicht zufällig erinnert den Leser dieses Spiel mit Thomas-Mann-Texten und Dokumenten an das dramaturgische Musters von „Lotte in Weimar“. Doch das ehemalige „Liebespaar“, das in Pleschinskis Buch nach Jahren wieder aufeinandertrifft, sind Thomas Mann und Klaus Heuser – der inzwischen vierzigjährig, im Jahre 1936 aus Deutschland nach Indonesien entflohen, mit seinem javanischen Lebensgefährten  ebenfalls im „Breidenbacher Hof“ weilt.

Erika Mann drängt Klaus Heuser, ihren fast 80-jährigen Vater nicht zu begegnen. Um dessen Gesundheit und Nervenkostüm es ohnehin nicht zum Besten stehe. Doch der hat ihn längst entdeckt. Es kommt zu einem langen Gespräch im Morgengrauen.

Indem Pleschinski Fiktion und Realität  ineinander verwebt, spekuliert er, was aus der Lesung und den Begegnungen hätte werden können. Das wiederum erinnert ein wenig an Daniel Kehlmanns Erfolgsroman „Die Entdeckung der Welt“.

Fazit: Höchst unterhaltsam für Mann-Adepten.

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