Marcel Reich-Ranicki – „Mein Leben“

Rating: ★★★★★ 

Man glaubt, in ihn förmlich sprechen zu hören, wenn man seine Autobiographie liest: Sein Lispeln, sein rrrrollendes „R“. Und man sieht den stets erhobenen und wedelnden Zeigefinger des notorischen Besserwissers.

Sein literarisches Urteil war Gesetz. Manchem deutschen Autor ist er ein Leben lang auf die Nerven gegangen. Manchen hat er vernichtet: „Ich gelte weiterhin als ein Mann der literarischen Hinrichtungen.“ Seine negativen Kritiken hat er in dem Buch „Lauter Verrisse“ dokumentiert. Martin Walser hat aus literarischer Notwehr gar einen Roman über ihn, den Großkritiker, geschrieben, in dem er ihn, den Großkritiker ums Leben kommen lässt. Denn gar nicht selten war MRR bösartig: “Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen.”

Auch im an sich genialen Sendeformat „Das literarische Quartett“ reduzierte MRR seine Kollegen, erwachsene Menschen, zu Statisten und seinen Stichwortgebern. Kaum einer, der ihm widersprach, nicht hat einmal sein ehemaliger Chef bei der „ZEIT“ Hellmuth Karasek: MRR wusste es immer besser – nur nicht immer richtig:

„Gibt es im ‚Quartett‘ ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals. Wird hier vereinfacht? Unentwegt. Ist das Ergebnis oberflächlich? Es ist sogar sehr oberflächlich.“

Doch, wer immer Recht hat, hat wenig Freunde. „Je größer mein Erfolg, desto häufiger bekam ich Neid und Mißgunst zu spüren.“ Die einzige Frau in der Runde hat dann irgendwann gepasst. Danach war das Quartett ein Terzett – und bei weitem nicht mehr so interessant.

Und keinesfalls war jedes von ihm hoch gelobte Buch lesbar, Getreu dem Goetheschen Motto: „Je inkommensurabler und für den Verstand unfaßlicher eine poetische Produktion ist, desto besser“ erwiesen sich viele Bücher als Fehlkäufe. „Um das, was ich sagen wollte, erkennbar und faßbar zu machen, habe ich mir häufig  erlaubt zu übertreiben und zu überspitzen.“ Es ist wohl so ähnlich wie bei den Restaurantkritikern, die nur noch in Sterne-Restaurants essen: Das literarisch Elitäre macht nicht jeden satt. Doch, wer es als Autor schaffte, von ihm öffentlich gelobt zu werden, war ein gemachter Mann (seltener: Frau). Denn Marcel Reich-Ranicki schrieb nicht nur leidenschaftliche Verrisse ebenso wie leidenschaftliche Lobreden.

„Im Grunde kennt die Literatur nur zwei große Themen: Die Liebe und den Tod. Der Rest ist Mumpitz.”

Sein Lebensweg war zeitgeistig lebensbedrohlich und beschwerlich – doch immer wollte er Kritiker werden. Für dieses Ziel war ihm fast jedes Mittel recht. Selbstbehauptung im Überlebenskampf. Das hinterlässt Spuren. Er hat viele Jahre für „DIE ZEIT“ gearbeitet und später als Literaturchef der „FAZ“. Literatur, das war sein Lebenselixier: „Die Literatur ist mein Lebensgefühl“.

„Ich begriff, daß sich in der Literatur etwas finden und erkennen ließe, dessen Bedeutung nicht zu überschätzen sei – man könne sich selber finden, seine eigenen Gefühle und Gedanken, Hoffnungen und Hemmungen.“

Im Jahre 1958 wurde er Mitglied der renommierten „Gruppe 47„. Doch bereits im Jahre 1961 entzündete sich Kritik an seiner Person, deren Schärfe im Urteil gefürchtet war. Er bekennt selber:Leicht war die Zusammenarbeit mit mir nicht.“

Alles hat er ertragen, was die Deutschen ihm, seiner Familie, seinem Volk angetan haben. Und doch blieb er den Deutschen gegenüber wohlgesonnen, und das, so lernt und versteht man in diesem Buch, einzig aus tiefer Liebe zur deutschen Literatur: „Ohne Liebe zur Literatur gibt es keine Kritik.“ Und nur der quält sich, der sich wichtig nimmt. Dabei ist er selber wohl so, wie er über Schriftsteller urteilt: „Ich habe noch nie einen Schriftsteller kennengelernt, der nicht eitel und egozentrisch gewesen wäre, es sei denn, es war ein besonders schlechter Autor.“

“Ohne Eitelkeit gibt es kein Schreiben. Egal, ob Autor oder Kritiker – Eitelkeit muss dabei sein. Sonst entsteht nichts. Thomas Mann war wahnsinnig eitel, Richard Wagner auch, und Goethe und natürlich Schiller.”

Dass Literatur einen Beitrag zu einer besseren Gesellschaft leisten kann, daran hat MRR Zweifel. Schriftsteller können seiner Meinung nach nichts ändern. „Nein, an eine nennenswerte pädagogische Funktion der Literatur habe ich nie ernsthaft gedacht.“ Und auch die von ihm geliebten Großschriftsteller Mann, Proust, Kafka „dachten sie nicht im entferntesten daran, mit ihrer Prosa die Welt zu verändern.“

Er erinnert an eine Aussage von Thomas Mann, „daß ein Schriftsteller ein Mann ist, dem das Schreiben schwerer fällt als allen anderen Leuten.“

Hilfreich auch seine Ausführungen über die unterschiedliche Rezeption von literarischen Werken in verschiedenen Altersphasen:

„Muß alt werden, um den „Lear“ zu begreifen, zu bewundern? Muß man jung sein, um sich für „Romeo und Julia“ zu begeistern?“ (…) „Ähnlich erging es mir mit einem (…) Roman von Hesse, dem „Steppenwolf“. Ich habe ihn, nicht ganz freiwillig, dreimal gelesen: In den dreißiger Jahren war ich entzückt, in den fünfziger Jahren enttäuscht und in den sechziger Jahren entsetzt!“

Und was genau hat MRR an der Literatur so fasziniert?

“Jeder weiß, dass das Leben irgendwann endet. Aber selten machen wir uns klar, dass wir selbst es sind, die sterben werden. Während die Welt ungerührt weiterexistiert. Literatur öffnet uns manchmal für Momente die Augen für diese Wahrheit, vor der wir sie sonst zumeist schließen.“

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