Maxim Gorki – „Sommergäste“

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Wohl nicht zu Unrecht nannte Alexei Maximowitsch Peschkow sich Gorki, zu deutsch: der Bittere. Sein Drama „Sommergäste“ ist eine enttäuschte Abrechnung mit dem neuen Bürgertum Russlands, jenen erfolgreichen Menschen mit kleinbürgerlichem Hintergrund am Vorabend der russischen Revolution. Gorki schrieb sein Stück 1904, und seine Figuren spüren, dass ihre Zeit am Vorabend von Krieg und Revolution zu Ende ist.

Dreizehn Personen (und zwei Wächter) treffen sich im Sommerhaus von Rechtsanwalt Bassow. Sie reden unentwegt, über Gefühle, über Liebe, über Literatur, über eine bessere Zukunft und über das Leben an sich. Dreizehn Menschen, die sich langweilen, aber nichts tun, sind auf der verzweifelten Suche nach dem Sinn.

„Wie leer es bei uns ist. Wir müssten diese kahlen Wände irgendwie bedecken, Warja. Ein paar Rahmen … Bilder … sonst, schau wie ungemütlich!“

„Wir leben alle noch zu vorsichtig. Wie feige wir sind.“ Es ist wohl eine Vorahnung auf das, was im Existentialismus viele Jahre später als „L’ennui“ benannt werden sollte. Sie wandeln ohne Ziel, trinken zu viel und bramarbasieren heftig über den desolaten Zustand der Welt und die Vergeblichkeit des Liebesbegehrens.

Die Männer, von Beruf Rechtsanwalt, Arzt, Ingenieur, haben einmal ganz unten angefangen. Sie sind erfolgreich und wohlhabend, doch jetzt fühlen sie sich nicht mehr wohl in ihrer Haut. Sie wissen nicht, was sie mit ihrem Leben noch anfangen sollen, fallen einander unablässig mit Vorwürfen, Selbstbezichtigungen und Sentimentalitäten auf die Nerven.

Warwara Bassow (Edith Clever) deklamiert dazu passend: „Wir sind Sommergäste, irgendwelche Zugereiste. Wir irren geschäftig umher, suchen nach einem bequemen Plätzchen im Leben. Wir tun nichts und reden entsetzlich viel.“

Botho Strauß war nicht nur Hausdramatiker der „Schaubühne am Halleschen Ufer“ und verantwortlich für diese berühmte Bearbeitung von Gorkis Sommergästen. Sie wurde
Maßstab gebend für das Theater und das Lebensgefühl der siebziger Jahre. Ähnlich wie am Vorabend der russischen Revolution ist das Stück ein Porträt einer Gesellschaft im Übergang.

„Und ich will weg, dahin, wo einfache, gesunde Menschen leben, die eine ganz andere Sprache sprechen. Die beschäftigen sich mit was Echtem, Großem, Wichtigem … Weißt Du, was ich meine?“

Die Inszenierung durch Peter Stein mit Schauspielern wie Otto Sander, Bruno Ganz, Edith Clever, Jutta Lampe ist ein Kleinod. Theater in Kino zu verwandeln, war ein Experiment. Aufschlussreich auch das Beiheft, das ein Interview mit Peter Stein und eine Kritik des seinerzeit berühmten Friedrich Luft enthält.

Produktion aus dem Jahre 1975. Dauer 115 Minuten

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