Wegener stand in der Babyabteilung des Kaufhauses, um einiges Zubehör zu erstehen. Er war der einzige Kunde in diesem separaten Raum, in dem man bis vor kurzem noch Gartenzubehör verkauft hatte.
Während er nach den Babysachen suchte, klingelte das Telefon an der Kasse. Der Verkäufer, ein Mann von circa 50 Jahren, nahm ab und meldete sich. Nach einer kurzen Pause stammelte der Mann ins Telefon: “Och Martina, och, Mensch, ich bin ganz traurig, och, Du, Martina. Ich versuch’, ob ich heute freikriegen kann. Du, och, Martina.” Dabei schluchzte er mehrfach.
Wegener blieb hinter einer Säule solange in Deckung, bis das Gespräch beendet war. Als er dann auf den Mann hinter der Kasse zuging, wischte dieser sich gerade ein paar Tränen weg und bat Wegener um Entschuldigung, aber sein Schwager sei gerade gestorben. 58. Herzinfarkt. Und der habe sich doch schon so auf die Pensionierung gefreut!
Wegener versucht ein paar passende Worte zu finden. Trotz seiner Rührung gelang es ihm nicht, mehr als ein paar Platitüden hervorzubringen. Immerhin fasste er den Mann, der einen ganzen Kopf größer war als er, ein wenig um die Schulter. Der Mann schien sich ein wenig zu beruhigen und gab Wegener Antwort auf einige Fragen, die Wegener selber später für zu sachlich hielt, also, ob der Schwager denn ein Risikopatient gewesen sei usw.
Als Wegener gezahlt hatte, ermunterte er den Mann, nun frei zu nehmen und wünschte ihm beim Weggehen “Alles Gute”, was ihm selber schon im Moment des Sagens als deplatziert einleuchtete.
Vielleicht, sagte Wegener sich, hätte er mit dem Mann gemeinsam weinen sollen. Er wusste nicht, wo er das schon einmal gesehen oder gelesen hatte, empfand es aber als einen möglichen Ausdruck des Mitgefühls.
Das Ereignis beschäftigte Wegener noch tagelang. Ein wenig war er enttäuscht, dass seine Empfindung nicht größer gewesen war.