Er hatte in der Schulbücherei von allen Schülern die meisten Stempel auf den Karteikarten, auf denen Entleihe und Rückgabe vermerkt wurden – dicht gefolgt von Hänschen Müller.
Hänschen las gerne Astrid Lindgren, er liebte Abenteuerromane.
Der Ausleih- und Rückgabetag war Montagnachmittag von 15.00 bis 16:00 Uhr. Die Schulbücherei wurde vom Schulleiter selbst betreut. Manchmal war das kleine Büchereizimmer noch verschlossen, wenn er kam. Das war unangenehm.
Es kamen ohnehin nicht viele Kinder zum Ausleihen. Vielleicht dachte sich der Lehrer, dass die Schüler sich schon melden würden.
Man hätte das Schulgebäude wieder verlassen können, um das Schulgrundstück herumgehen und an der Haustür des Lehrers klingeln. Denn Lehrer Rusch wohnte, wie einst üblich, in der Lehrerwohnung des Schulgebäudes.
Man konnte aber auch durch den Klassenraum der 1. bis 4. Klasse über einen Flur und einen dunklen Gang in den Wohnbereich, in diesem Falle in die Diele, von Familie Rusch gelangen, wenn der Lehrer mal nicht zu den Öffnungszeiten in der Bücherei war.
In diesem Zwischenraum lagerten allerlei Papier und sonstiges Gerümpel. Auch herrschte hier ein Geruch, wie wir ihn in unserem Leben oft mit bestimmten Räumen verbinden, der kleine Keller von Onkel und Tante zum Beispiel, der roch immer so herrlich nach einer Mischung aus Gemüse, Wein und dicker Fleischsoße.
Da stand der Junge nun also vor der verschlossenen Büchereitür. Seine Mutter hatte ihm aufgegeben, dass er in diesem Falle zwar den dunklen Gang benutzen könne, aber anklopfen solle. Das war ihm aus unerklärlichen Gründen aber unangenehm. Anklopfen. Zu Hause klopfte niemand an. Großvater nicht, Großmutter nicht, die Eltern nicht. Nur der unheimliche Weihnachtsmann, ja, der klopfte an die Türen!
Nein da warte er lieber noch ein Weilchen. Doch irgendwann war die Leihzeit ja rum, und er wollte doch gerne ein neues Buch lesen. Also begab er sich schweren Herzens doch durch den dunklen Gang, horchte in die Diele, bevor er sie betrat. Nichts, kein Laut. Er wusste, hinter welcher Tür sich das Wohnzimmer befand. Leise schlich er dorthin und horchte vorsichtig an der Tür. Nichts.
Nachdem er lange vor der Tür gelauscht und gewartet hatte, schlich er zunächst wieder auf Zehenspitzen ein Stück zurück. Doch da, die Stimme von Lehrer Rusch! Wieder näherte er sich vorsichtig der Tür. Ja, da war Leben im Wohnzimmer. Leise und vorsichtig drückte er den Türgriff herunter und öffnete die Tür einen Spalt weit: Da stand Lehrer Rusch gerade in langen, weißen Unterhosen und starrte ihn fassungslos an!
Ob er denn nicht anklopfen könne! Das gehöre sich doch so! Ob er das nicht gelernt habe? Unerhört! Dabei zog sich der Lehrer schnell seine graue Hose über. Schimpfend ging er dann voran zur Bücherei, der Junge folgte mit gesenktem Kopf.
Was die Mutter wohl sagen würde? Der Lehrer würde es ihr bestimmt erzählen, dass er nicht angeklopft hatte. Er gab seine drei ausgelesenen Bücher ab. Der Lehrer stempelte sie wortlos aus. Der Junge war so verwirrt, dass er nicht mehr wusste, welches Buch er nun ausleihen sollte.