Als Wegener nach dem dritten Klingeln abhob, meldet sich jemand am anderen Ende der Leitung, den er seit nahezu 20 Jahren nicht mehr gesprochen hatte. Es war Bert, von dem Wegener nicht zu sagen wusste, ob er ihn mochte. Früher einmal waren sie Schulkameraden gewesen, Leidensgenossen im wahrsten Sinne des Wortes.
Eine unangenehme Erinnerung stieg in Wegener auf. Zufall oder nicht, hatte er sich gerade erst vor ein paar Tagen mit einer Frau über die damalige Schulzeit unterhalten. Ihm war heute, nachdem so viele Jahre vergangen waren, erst deutlich, wie sehr diese Zeit Einfluss auf sein gesamtes Leben genommen hatte. Das beherrschende Gefühl, wenn er an seine Lehrer zurückdachte, war Angst. Mit roher Gewalt war er von ihnen behandelt worden.
Während des Gespräches redete Bert ihn mehrmals mit einem Spitznamen an, von dem Wegener gar nicht mehr wusste, dass er seinerzeit von den Kameraden so gerufen worden war. Schwach erinnerte er sich jetzt, doch war es ihm peinlich.
Bert teilte ihm nach einiger Zeit den Grund seines Anrufes mit: Ein Klassentreffen sei für den Sommer geplant. Nach einigen ausweichenden Bemerkungen konnte Wegener dann doch nicht länger mehr umhin, seine ablehnende Haltung gegenüber einer solchen Veranstaltung zu äußern. Er versuchte Bert zu erklären, dass ihn tiefer Hass gegenüber seinem Klassenlehrer erfüllte, und es ihm deshalb nicht ratsam erschiene, an dem Treffen teilzunehmen, weil er mit diesem in vielen Jahren angesammelten und bewusst gewordenen Hass nicht würde an sich halten können. Dass er ebenso wenig Wert auf eine Begegnung mit den Klassenkameraden legte, sagte Wegener nicht.
Bert schien das nach einer Weile der Überlegung auch für klüger zu halten, obwohl er ganz sicher Wegeners Haltung weder verstand noch teilte. Er fühlte sich aber verantwortlich für ein „gelungenes“ Klassentreffen.
Zum Abschied vergaß Bert nicht, darauf hinzuweisen, dass Wegener sich in Versicherungsangelegenheiten ruhig an ihn wenden solle. Auch darauf reagierte Wegener mit einigen kurzen Schilderungen seiner Erfahrung mit Versicherungen, was Bert zu der Einsicht verhalf, dass Wegener wohl nicht zu den einfachen Kunden gehöre.
Dem stimmte Wegener zu. Er kam sich überhaupt verglichen mit Menschen wie Bert unerlaubt kompliziert vor. Auch was sein bisheriges und jetziges Leben anging, wollte er Bert lieber nicht erzählen, dass er immer noch keinen festen Beruf hatte, noch Familie. Stattdessen warf er ein paar unverbindliche, seiner Meinung nach Achtung erzeugende Informationen über sich und seine berufliche Tätigkeit ins Telefon.
Bert wusste hingegen zu vermelden, dass er inzwischen Vater von „drei strammen Jungs“, wie er sich ausdrückte, sei. Wegener fragte sich in dem Moment, ob Bert wohl überzeugter Nazi gewesen wäre im deutschen Faschismus. Er kam zu der Ansicht, dass das zumindest nicht abwegig sei.
Was nur suchten die Menschen bei einem Klassentreffen? Versöhnung mit dem einstigen Peinigern, endlich von ihm als vollwertig (weil durch seine Erziehung gegangen) anerkannt? Gegenüber den anderen Klassenkameraden den mangelnden Erfolg in der Schule durch Lebenserfolg wettmachen? Das Du-Angebot des Klassenlehrers?
Was verband sie denn außer der Pein, dem Zwang, viele Jahre ohnmächtig den gleichen Menschen gehorchen zu müssen, von ihnen drangsaliert, schikaniert und selektiert zu werden?
Wegener wurde böse bei dem Gedanken, dass über die Leiden von einst heute nur gelacht würde und alle am Ende des Abends zu der Überzeugung kämen, dass es doch eigentlich eine schöne Zeit gewesen sei, womöglich die schönste.
Wegener beschloss, auf gar keinen Fall an dem Klassentreffen teilzunehmen.