Monika Maron – „Zwischenspiel“

Rating: ★★★★★ 

“Im Grunde kennt die Literatur nur zwei große Themen: Die Liebe und den Tod. Der Rest ist Mumpitz.” (MRR)

In diesem Sinne ist Monika Marons neuer Roman ein gelungener – denn er umkreist eben diese beiden existenziellen Fragen. Olga, die alte Freundin der Ich-Erzählerin Ruth,   ausgebildete Schauspielerin, mit fast neunzig Jahren gestorben, Mutter ihres ersten Mannes. Trauerfeiern dienen nicht nur als Beweis des Mitgefühls mit den Angehörigen, sondern auch dazu, das Leben im Zusammenhang mit dem Verstorbenen Revue passieren zu lassen.

Doch nicht nur die Aussicht, bei der Beisetzung den Vater ihrer Tochter zu treffen, verstört sie. Denn vieles haben wir in unserem Gedächtniskeller gut eingeschlossen, um Störendes zu vergessen und weiter leben zu können. Sie fragt sich, „wo die ganzen Ichs überhaupt bleiben, die man in seinem Leben war und denen man das letzte immerhin verdankt?“

Als sie am Tag des Begräbnisses erwacht, verschwimmen ihr die Buchstaben vor den Augen, ihre Wahrnehmung ist getrübt. Ruth, unlängst sechzig geworden, hadert mit der eigenen Sterblichkeit. Auf dem Weg zum Friedhof  in der Nähe von Pankow verfährt sie sich und gelangt stattdessen in einen Park, der sich als ein ziemlich verwunschener Ort herausstellt und wo ihr für den Rest dieses Tages Tote und Lebende erscheinen, skurrile Szenen entstehen, in denen Vergangenheit und Gegenwart verschwimmen – einzig real ein ihr zugelaufener Hund.

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Wilfried Meyer – „Die Hache“

Rating: ★★★★★ 

Wilfried Meyer ist ehrenamtlicher Gemeindearchivar von Weyhe. Viele historische Entwicklungen dieser Gegend hat er in mehreren Jahrzehnten in Wort – und vor allem Bild – festgehalten. Im Laufe dieser Jahre sind aus seinen Dia-Vorträgen auch Bücher entstanden, die er im Eigenverlag herausgibt.

Schon früh hat er sich auch für Bachlauf der Hache interessiert und deren 32 Kilometer Länge nach und nach abgelaufen und dokumentiert. Im Jahre 1992 erschien dann dieses zur Zeit vergriffene Buch „Die Hache – Impressionen einer Bachlandschaft“ (Neuauflage in naher Zukunft).

„Die Hache war für mich von Kindheit an das Symbol eines Dorfbaches.“

Die Quelle der Hache ist unspektakulär und nur schwer zu finden. Sinniger Weise hat sie ihren Ursprung in dem zum Ort Engeln gehörenden Flecken namens Hache. Doch wer dort eine sprudelnde Quelle erwartet, wird enttäuscht: Das Wasser sickert eher zu einem kleinen Graben zusammen. Die Hache mündet in die Ochtum, nachdem sie den Kirchweyer See durchflossen hat.

Hachelauf

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Simone Sassen -„Ultima Thule“

Rating: ★★★★★ 

Thule, das war immer ein mythischer Ort irgendwo im äußersten Norden. Die Römer verstanden unter Thule etwas, das nördlich der Orkney-Inseln lag. Ob damit die Shetland-Inseln gemeint waren? Thule wurde einst auch als Name für Island verwendet. Und noch heute gibt es den Ort Thule auf Grönland. Offenbar benutzten antike Schriften Thule als Bezeichnung für verschiedene Orte im äußersten Norden Europas.

Ultima Thule, somit der nördlichste Landpunkt der Erde, so nannte man einst Spitzbergen, die zu Norwegen gehörende nördlichste Inselgruppe im Polarmeer. Die raue, vom ewigen Eis geprägte Gegend bietet die Kulisse für ein Leben im – wahrsten Sinne – Grenzbereich. Es sind menschenleere Bilder einer trostlosen Einsamkeit, bei denen man sich einmal mehr wundert, wo und wie Menschen es noch am entlegensten und unwirtlichsten Ort der Welt aushalten können.

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Marcel Reich-Ranicki – „Mein Leben“

Rating: ★★★★★ 

Man glaubt, in ihn förmlich sprechen zu hören, wenn man seine Autobiographie liest: Sein Lispeln, sein rrrrollendes „R“. Und man sieht den stets erhobenen und wedelnden Zeigefinger des notorischen Besserwissers.

Sein literarisches Urteil war Gesetz. Manchem deutschen Autor ist er ein Leben lang auf die Nerven gegangen. Manchen hat er vernichtet: „Ich gelte weiterhin als ein Mann der literarischen Hinrichtungen.“ Seine negativen Kritiken hat er in dem Buch „Lauter Verrisse“ dokumentiert. Martin Walser hat aus literarischer Notwehr gar einen Roman über ihn, den Großkritiker, geschrieben, in dem er ihn, den Großkritiker ums Leben kommen lässt. Denn gar nicht selten war MRR bösartig: “Manchmal ist eine Schreibblockade für die Leser ein Segen, das wollen wir nicht vergessen.”

Auch im an sich genialen Sendeformat „Das literarische Quartett“ reduzierte MRR seine Kollegen, erwachsene Menschen, zu Statisten und seinen Stichwortgebern. Kaum einer, der ihm widersprach, nicht hat einmal sein ehemaliger Chef bei der „ZEIT“ Hellmuth Karasek: MRR wusste es immer besser – nur nicht immer richtig:

„Gibt es im ‚Quartett‘ ordentliche Analysen literarischer Werke? Nein, niemals. Wird hier vereinfacht? Unentwegt. Ist das Ergebnis oberflächlich? Es ist sogar sehr oberflächlich.“

Doch, wer immer Recht hat, hat wenig Freunde. „Je größer mein Erfolg, desto häufiger bekam ich Neid und Mißgunst zu spüren.“ Die einzige Frau in der Runde hat dann irgendwann gepasst. Danach war das Quartett ein Terzett – und bei weitem nicht mehr so interessant.

Und keinesfalls war jedes von ihm hoch gelobte Buch lesbar, Getreu dem Goetheschen Motto: „Je inkommensurabler und für den Verstand unfaßlicher eine poetische Produktion ist, desto besser“ erwiesen sich viele Bücher als Fehlkäufe. „Um das, was ich sagen wollte, erkennbar und faßbar zu machen, habe ich mir häufig  erlaubt zu übertreiben und zu überspitzen.“ Es ist wohl so ähnlich wie bei den Restaurantkritikern, die nur noch in Sterne-Restaurants essen: Das literarisch Elitäre macht nicht jeden satt. Doch, wer es als Autor schaffte, von ihm öffentlich gelobt zu werden, war ein gemachter Mann (seltener: Frau). Denn Marcel Reich-Ranicki schrieb nicht nur leidenschaftliche Verrisse ebenso wie leidenschaftliche Lobreden.

„Im Grunde kennt die Literatur nur zwei große Themen: Die Liebe und den Tod. Der Rest ist Mumpitz.”

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Maxim Gorki – „Sommergäste“

Rating: ★★★★★ 

Wohl nicht zu Unrecht nannte Alexei Maximowitsch Peschkow sich Gorki, zu deutsch: der Bittere. Sein Drama „Sommergäste“ ist eine enttäuschte Abrechnung mit dem neuen Bürgertum Russlands, jenen erfolgreichen Menschen mit kleinbürgerlichem Hintergrund am Vorabend der russischen Revolution. Gorki schrieb sein Stück 1904, und seine Figuren spüren, dass ihre Zeit am Vorabend von Krieg und Revolution zu Ende ist.

Dreizehn Personen (und zwei Wächter) treffen sich im Sommerhaus von Rechtsanwalt Bassow. Sie reden unentwegt, über Gefühle, über Liebe, über Literatur, über eine bessere Zukunft und über das Leben an sich. Dreizehn Menschen, die sich langweilen, aber nichts tun, sind auf der verzweifelten Suche nach dem Sinn.

„Wie leer es bei uns ist. Wir müssten diese kahlen Wände irgendwie bedecken, Warja. Ein paar Rahmen … Bilder … sonst, schau wie ungemütlich!“

„Wir leben alle noch zu vorsichtig. Wie feige wir sind.“ Es ist wohl eine Vorahnung auf das, was im Existentialismus viele Jahre später als „L’ennui“ benannt werden sollte. Sie wandeln ohne Ziel, trinken zu viel und bramarbasieren heftig über den desolaten Zustand der Welt und die Vergeblichkeit des Liebesbegehrens.

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Ferdinand von Schirach – „Tabu“

Rating: ★★★★☆ 

Wie schon in seinen beiden Büchern mit Kurzgeschichten „Schuld“ und „Verbrechen“ sowie in seinem ersten Roman „Der Fall Colini“, hinterlässt Ferdinand von Schirach seine Leser auch in seinem zweiten Roman über den Synästhetiker und Künstler Sebastian von Eschburg ratlos.

Von Eschburg erlebt Gegenstände und Menschen in einem jeweils nur ihm sichtbaren Farbkleid: Die Haut des Vaters ist grünblau, die der Mutter farblos. Auch das Buch ist in Anlehnung an die Farblehre nach Helmholtz in die Farben „Grün“, „Rot“, „Blau“ und „Weiß“ aufgeteilt: „Sobald sich das Licht der Farben Grün, Rot und Blau in gleicher Weise mischt, erscheint es uns als Weiß.“ Dieser Satz ist dem Roman als Motto vorangestellt – und die Auflösung ist der drei Farben in reines „Weiß“, quasi in nichts, ist programmatisch für die Handlung.

Seine gefühlskalte Mutter interessiert sich nur für ihre Reitturniere, der trunksüchtige Vater nur für seine Jagd. Halbschwestern allerorten. Sein Vater begeht dann irgendwann Selbstmord, seine Mutter verkauft daraufhin das Haus am See und schickt den Sohn ins Internat. Da kann man durchaus an Freud denken, an „Totem und Tabu„.

Vordergründig geht es in dem Buch um einen vermeintlichen Mord – ebenfalls ein Tabu -, den von Eschburg an einer Halbschwester begangen haben will. Je tiefer sein Strafverteidiger Konrad Biegler in den Fall einsteigt, desto stärker verschwimmen Wirklichkeit und Wahrheit – ganz wie  in den Installationen des Künstlers von Eschburg. Und es gibt keine Leiche, nur eine DNA der Halbschwester.

„Wenn man einen Freispruch von einer Mordanklage will, gibt es sechs Möglichkeiten. Erstens: Es war nicht richtig zu töten – kommt selten vor. Zweitens: Es war Notwehr. Drittens: Es war ein Unfall. Viertens: Sie wussten nicht, was Sie taten, oder Sie konnten das Unrecht Ihres Handelns nicht einsehen. Fünftens: Sie waren es nicht, ein anderer hat’s getan. Und – ebenfalls sehr selten – sechstens: Es gab gar keinen Mord.“

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Felix zu Löwenstein: Food Crash

Rating: ★★★★☆ 

Immer wieder kommt es vor, dass zum Schluss einer Betriebsführung auf unserem Bioland-Betrieb ein Besucher sagt: „Das ist ja alles schön und gut und sehr ökologisch, aber mit deinen kleinen Gemüsebeeten, und so viel Arbeit, kannst Du die Welt ja auch nicht ernähren!“ Das ist dann immer der Punkt, wo die Diskussion noch mal so richtig losgeht: Die industrialisierte Landwirtschaft sieht so effektiv aus – aber das ist eine riesige Propagandalüge.

Die Wahrheit ist: Die Agrarindustrie belastet die Umwelt, verseucht Böden und Trinkwasserressourcen mit Pestiziden und Düngemitteln, bekommt hohe Subventionen aus Steuermitteln, quält Nutztiere, verbraucht unwiderbringliche fossile Ressourcen, schadet dem Klima, vernichtet Arbeitsplätze und ländliche Kultur und beansprucht große Futterflächen in Übersee. Mit sehr viel „input“ an Energie und Rohstoffen wird ein gar nicht so beeindruckender „output“ produziert.

Das Buch „Food Crash“ des Ökobauern und früheren Naturland-Vorstands Felix zu Löwenstein fasst den gegenwärtigen Stand dieser Agrardiskussion sehr gut zusammen. Viele Aspekte werden gut lesbar beschrieben, wie die z.B. die Hungerproblematik, Erosion und Fruchtbarkeitsverluste, der große Flächenbedarf der Fleischindustrie, „Tank oder Teller“, ernährungsbedingte Zivilisationskrankheiten und Überernährung oder die Verluste von Lebensmitteln durch Verderb oder Wegwerfen. Übernutzte Ressourcen, verschwenderischer Umgang mit Lebensmitteln und die Zerstörung der natürlichen Lebensgrundlagen können zum Zusammenbruch des globalen Ernährungssystems führen.

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