Miguel de Cervantes Saavedra – “Don Quijote von der Mancha”

Rating: ★★★★☆ 

Klaus Buhlert hat gemeinsam mit der DLF-Dramaturgin Elisabeth Panknin den Klassiker „Don Quijote“ für hr2 Kultur auf sechs CDs und 332 Minuten im Jahre 2010 neu eingespielt. Die dem Hörbuch zugrundeliegende Übersetzung stammt von Susanne ­Lange und aus dem Jahre 2008.

Cervantes (1547 -1616) Werk ist immer schon schwer fassbar gewesen. Ein Versuch von Orson Welles blieb eher Fragment, die Anstrengung, die Terry Gilliam Jahrzehnte später ­unternahm, produzierte den Dokumentarfilm „Lost in La Mancha“, der das ­Scheitern des Projekts beschreibt. Jetzt liegt die neue Bearbeitung als Hörspiel vor.

Zu den beliebtesten Lektüren des späten Mittelalters zählten Ritterromane, in denen fantastische, unglaubwürdige Abenteuer geschildert wurden, die – nach Meinung der Gebildeten jener Zeit – die Gehirne der Leser vernebelten. Soweit zur Aktualität dieses Romans! Cervantes „Don Quijote“ (Originaltitel: El ingenioso hidalgo Don Quixote de la Mancha) will nicht nur die Ritterromane parodieren, sondern auch vor Augen führen, wie deren übermäßige Lektüre den Verstand raubt. Die Geschichte lässt Cervantes vom fiktiven Erzähler, dem Cide Hamete Benengeli berichten.

Auch unser Held „Don Quijote“ hat schon alle diese Ritterromane gelesen und hält deren Begebenheiten für wahr. Die Lektüre hat ihn so weit von der Realität entrückt – wohl sogar – „verrückt“, dass er beschließt, selbst ein „irrender Ritter“ zu werden und um sich todesmutig in Abenteuer und Gefahren stürzt. Er will das Unrecht bekämpfen und ewigen Ruhm an seinen Namen zu heften. In einer verrosteten uralten Rüstung, die sich von seinen Ahnen noch erhalten hat, zieht Don Quijote, der eigentlich Alonso Quijano heißt und ein kleiner Landadeliger ist, auf seinem klapprigen Gaul Rocinate los, um gegen Riesen und andere Ungeheuer zu kämpfen. Er will dadurch die Gunst eines Bauernmädels, das er in seiner Jugend einst verehrt hat und die er nun selbst zur Dame „Dulcinea del Toboso“ erhoben hat, erwerben.

Seit Jahrhunderten gilt Don Quijote als Beispiel des tragischen Irrtums und der absurden Komik scheiternder Weltverbesserer. In der Literaturgeschichte des Abendlandes begründet Cervantes Werk die neue Gattung des Roman. Das zentrale Thema Cervantes‘ ist – wie bei seinem Zeitgenossen William Shakespeare – die Frage, was in unserer Umwelt Wirklichkeit ist und was Traum, der Konflikt zwischen Ideal und Realität. Heute ist Don Quijotes Kampf gegen die Windmühle(n) die bekannteste Episode des Romans, wo sie faktisch nur eine untergeordnete Rolle spielt. Das 17. Jahrhundert war vom rasanten technischen Fortschritt geprägt, der den Machtverlust der Aristokratie vorantrieb. Die lächerliche Auflehnung des Junkers gegen Windmühlen war dafür das ideale Symbol.

Ähnlich Wortreich und absurd wie die Gespräche eines Voltairschen Candide sind die Diskssionen zwischen Don Quijote und Sancho Panza – gesprochen von Rufus Beck bzw. Thomas Thieme (Anna Thalbach spricht die weiblichen Rollen). Quijote und Sancho philosophieren reitend durch ödes Land. Sie erfahren dabei kaum etwas, das man Heldentat oder Abenteuer nennen könnte. Der gebildete Ritter von trauriger Gestalt glaubt, er müsse handeln mit allem Mut und aller Hingabe, um eine verrückte Welt wieder zurechtzurücken. Doch de facto ist er in den Augen dieser Welt der ­Verrückte. Er hat fortwährend Wahnvorstellungen und erzeugt Unruhe und Unfrieden, wo noch eben alles in bester Ordnung schien. Erst auf seinem Totenbett erkennt er plötzlich den Unsinn und die Verworfenheit der Ritterbücher und beklagt, dass ihm diese Einsicht so spät gekommen sei. Mit dieser Einsicht endet sein Leben und das Buch.

Das Hörspiel hat die Texte in eine Wechselrede verwandelt. So sind Beck und Thieme Erzähler und Figur in einem. Das Hin-und-Her zwischen beiden Stimmen ist eingebettet in eine Atmosphäre, die von Perkussion und Fandangoklänge geschaffen werden.

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