Eckart R. Straube – „Heilsamer Zauber“

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Der christlichen Kirche laufen die Mitglieder weg. Werden wir bald ein Volk von Ungläubigen sein? Offensichtlich nicht, denn das Interesse an alternativer spiritueller Lebenshilfe hat eher zugenommen – allerdings außerhalb der Kirchen. Das ist das Thema von Eckart R. Straubes Buch.

Die Suche nach Sinn ist dem Menschen eigen. Auch in modernen und aufgeklärten Zeiten hat sich die Suche nach Spiritualität nicht veringert, im Gegenteil: Lebte der Mensch im Mittelalter noch in einer unerklärlichen, „verzauberten“ Welt, versucht er nach seiner Befreiung von „seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit“ (Kant) neuer Götter mit ggf. besseren Angeboten habhaft zu werden. Er hat sich emanzipiert von unerreichbaren, rächenden Göttern und der eigenen Rolle als sündenbeladener Bittsteller.

Geblieben ist angesichts einer nun rituellen Vereinsamung die Sehnsucht, denn „Dass Eisenbahnzüge fahren, hat an der seelischen Konstitution der Menschheit nichts
geändert.“ (Stefan Zweig)

Anstelle der Weltreligionen bemüht sich der Homo religiosus daher inzwischen vermehrt um alternative spirituelle Lehren – von Kirche und Aufklärung gerne als Magie, Aberglaube oder Esoterik etikettiert. Dabei bedeutet Religion nichts anderes als heilbringende Verzauberung.

In Deutschland gibt es keinen Lehrstuhl für Religionspsychologie – möglicherweise ein selbstgemachtes Tabu? Straube interessiert die therapeutische Dimension von Religion: Kann Glauben heilen oder magischer Zauber, wie er aus anderen Kulturen bekannt und als neuer Trend zu esoterischen Heilpraktiken umstritten ist? Gibt es so etwas wie Selbstheilungskräfte, die wir als ein evolutionäres Erbe in uns tragen und die durch Rituale oder Zeremonien oder auch nur Einstellungen dazu mobilisiert werden können?

Er untersucht diese Fragen mit den wissenschaftlichen Methoden der Psychologie und den Erfahrungen des klinischen Psychotherapeuten und Religionspsychologen in einem Bereich, in dem Heilssuche und Heilung in einem neuen Trend zusammentreffen. Wo früher die Priester Fabriken und Kanonen weihten, errichtet man heute Industriegebäude nach Richtlinien des Feng-Shui.

Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel:

1. Die Ausgangslage: Glaubenszenen heute
2. Lebensbewältigung und Heilen durch Religion
3. Christlicher Glauben und Magie
4. Glauben und Heilen – Ergebnisse der Forschung
5. Warum Therapie durch Glauben?

Wer immer schon wissen wollte, welche „heidnischen“ Feiertage, Bräuche, Riten oder Naturheiligtümer die christliche Religion von anderen, älteren  Glaubensrichtungen  schlicht kopiert hat, ist hier ebenso richtig wie derjenige, der sich für parapsychologische Fragen interessiert.

Der Mensch ist ja weit entfernt davon, ein rationales Wesen zu sein. Die meisten Menschen glauben ja weiterhin an vierblättrige Kleeblätter, Hufeisen, Horoskope, Talismane, Amulette oder schwarze Katzen, also pflegen also gemeinhin das, was man „Aberglauben“ nennt.

Solche Praktiken dienen wie jeder Ritus dazu, über Ereignisse Kontrolle zu erlangen, welche zunächst als unkontrollierbar erscheinen – man möchte dem Schicksal nicht hilflos ausgeliefert sein. Und ein ferner Gott, der sich um Einzelschicksale kümmert, ist aus psychologischer Sicht in der Vorstellung seiner Anhänger schwierig. Dabei ist das Abgleiten in die von der christlichen Kirche so abgelehnten „Götzenkulte“ paradox, arbeitet sie doch selber nur allzugerne mit Reliquien, Seligen, Heiligen, Nothelfern und Devotionalien.

Ein überaus lesenswertes Buch, das sich vor allem um Neutralität bemüht. Erstmals stehen hier die verschiedensten Bemühungen von Menschen um Spiritualität gleichberechtigt nebeneinander. Denn wer heilt, hat Recht.

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