Siegfried Lenz – „Die Maske“

Rating: ★★★★★ 

Mit zunehmendem Alter wird die Leistungsfähigkeit zwangsläufig geringer. Auch Autoren, die in die Jahre kommen, vollbringen zwar durchaus noch „Alterswerke“, jedoch nun nur noch selten großvolumige Bücher.

Auch bei Siegfried Lenz (Jahrgang 1926) nimmt die Dicke der Bücher mit zunehmendem Alter deutlich sichtbar ab:  „Landesbühne“ und „Schweigeminute“ hatten nur noch je 128 Seiten – rein netto gar deutlich weniger. Auch mit Hilfe der Schriftgröße kann ein Verlag ein Buch umfangreicher erscheinen lassen als es ist – und das hat nichts mit altersgerechtem Sehen zu tun. Nein, das Schreiben falle ihm nicht leicht, im Alter nicht und früher auch nicht wirklich, hat Lenz einmal in einem Interview gesagt.

Ursprünglich war die Titelerzählung „Die Maske“, bei der Lenz auf die Einordnung als „Novelle“ besteht, wohl gar als Roman gedacht. Quantität muss nicht gegen Qualität sprechen. Mit dem Alter wird mancher weise und publiziert dann die Quintessenz seines Denkens und Lebens. Die Berufsbezeichnung „Dichter“ kommt nicht zufällig von (ver-) „dichten“. Und so liegt die Meisterschaft des alten Lenz wohl eben genau hier.

Wohl kaum kann man einen Autor davon freisprechen, dass er seinem Lebensende nahe, noch einmal versucht, das ihm Wichtigste zu verlautbaren. Mancher bringt dann aber nur noch „Angstblüten“ hervor und dem „Muttersohn“ will das trotz mehrerer Versuche nicht recht gelingen.

Die fünf Erzählungen dieses neuen Buches sind wunderlich. Natürlich berichten sie von typisch Lenzschen Einzelgängern. Und nahezu selbstredend sind das Meer und seine Ufer zentraler Ort der Handlung.

Sie handelt vom Antagonismus von Wirklichkeit und Fiktion, vom „Homo sociologicus“, wie Ralf Dahrendorf geschrieben hat. Illusion und Desillusion scheinen Thema aller fünf Geschichten zu sein. In wie weit das alles mit dem Autor selber im Zusammenhang steht, darüber lässt Lenz keinen Zweifel:

„Wer erzählt, gibt ja unwillkürlich etwas über sich selbst preis, ganz gleich, wovon und mit welchen Worten er erzählt, selbst wenn Worte verbergen oder entstellen, bezeichnen sie den Erzähler.“ (S. 29)

Der Leser hat dabei die Wahl hat, die Gedanken des Schriftstellers anzunehmen oder zurückzuweisen. Lenz lässt ihm dafür alle zeit der Welt, denn die Romane, die Siegfried Lenz seit der „Deutschstunde“ veröffentlichte, entwerfen immer zeitferne Gegenwelten. Lenz‘ Neigung zum Bedächtigen, wenn nicht Betulichen, das ist es wohl, was seinen treuen Lesern gut tut und durch alle sein Bücher trägt.

Siegfried Lenz‘ Lebensthema ist die Ordnung. Das Durcheinandergeraten eben dieser und das Verhalten von Menschen in unordentlichen Zeiten und Situationen, „… den Aufstieg und Fall exemplarischer Personen.“ (S. 115), genau darum geht es ihm noch einmal in diesem kleinen Werk – oder in Lenz‘ Worten:

„Die Idylle und dann der Einbruch des Unglücks in die Idylle; Idylle und Drama sind manchmal Nachbarn.“ (…) Das Schicksal verzichtet oft auf den Kommentar, es begnügt sich damit, zuzuschlagen.“ (S. 108 + 123).

Dieser Beitrag wurde unter 5 Sterne, Erzählung, Novelle abgelegt und mit verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.

Schreibe einen Kommentar