Friedrich Dürrenmatt – „Die Panne“

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Ein Mann hat eine Autopanne. Das Fahrzeug muss die Nacht über in der Werkstatt bleiben. Weil es Gasthöfe am Ort kein Zimmer mehr frei haben, verweist man Alfredo Traps an einen älteren Herren, der hin und wieder in seiner Villa Gäste aufnimmt.

Der 87-jährige Herr, ein pensionierter Richter, der mit seiner Haushälterin Simone in der Villa wohnt, heißt den Reisenden willkommen und lädt ihn zum Abendessen ein.

Der Gastgeber empfängt noch drei weitere Gäste: Kummer, 82, einst Strafverteidiger,  Zorn, 86, einst Staatsanwalt und Pilet, 77, einst Henker. Man fragt, ob Traps an einem Spiel teilnehmen möchte? Man führe täglich eine fiktive Gerichtsverhandlung durch, bei der man sich meistens mit bekannten Fällen aus der Geschichte befasse. Doch an diesem Abend wolle man sich einmal mit seiner möglichen Schuld befassen, er möge die Rolle des Angeklagten übernehmen. Traps erklärt sich keines Verbrechens je bewusst gespannt und gerne dazu bereit.

Der Abend beginnt, man isst und trinkt sehr viel, ein dionysisches Gelage findet statt – und das Spiel macht Spaß. Es bringt den an sich unschuldigen Durchschnittsmenschen Traps im Laufe der „Verhandlung“ dazu, sich – was zunächst absurd erscheint – letztlich eines Mordes zu bekennen, den er nicht beging. Es geht dabei um den tödlichen Herzinfarkt seines Chefs Gygax, verursacht durch die Aufregung über Traps Verhältnis mit Gygax Frau. Die Geschichte nimmt nun einen unerwarteten Verlauf: Das Urteil lautet am Ende Todesstrafe und Traps nimmt das Todesurteil angesichts der im Laufe des „Prozesses“ von ihm erkannten Schuld freudig an:

„Dass man ihm einen Mord zumutete, bestürzte ihn zwar ein wenig und machte ihn nachdenklich, ein Zustand, den er  jedoch als angenehm empfand, stieg doch eine Ahnung von höheren Dingen, von  Gerechtigkeit, von Schuld und Sühne in ihm hoch, erfüllte ihn mit Staunen.“

Im Untertitel heißt die Erzählung „Eine noch mögliche Geschichte“, denn Dürrenmatt fragt im ersten Teil: „Gibt es noch mögliche Geschichten, Geschichten für Schriftsteller?“ Ja, die gibt es ganz offenbar. Dürrenmatt sieht sich dabei als Bildhauer, der sein Material formt und bearbeitet. Sein Material findet er, wo „aus einem Dutzendgesicht die Menschheit blickt, Pech sich ohne Absicht ins Allgemeine weitet, Gericht und Gerechtigkeit sichtbar werden, vielleicht auch Gnade, zufällig aufgefangen, widergespiegelt vom Monokel eines Betrunkenen“.

Das Hörbuch wird von Christian Brückner auf 2 CDs und 112 Minuten ungekürzt vorgelesen. „Die Panne“ gibt es auch als Theaterstück und Fernsehspiel.

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