Sten Nadolny – „Weitlings Sommerfrische“

Rating: ★★★½☆ 

Die ersten Seiten des neuen Buches von Sten Nadolny plätschern ebenso seicht dahin wie der Chiemsee im Sommer, auf der Autor seinen Richter a. D. Wilhelm Weitling mit seinem Boot hinaussegeln lässt.

Das hat Weitling schon in jungen Jahren getan. Damals ist er gekentert. Jetzt verunglückt er erneut. Die beiden Ereignisse „verschwimmen“ – im wahrsten Sinne des Wortes -ineinander: Der 68-jährige Weitling erlebt sich plötzlich wieder als 16-jähriger im Jahre 1958. Er weiß nicht, lebt er noch oder ist er bereits tot? „Mein Ich ist, während meine Leiche dem Schilfgürtel des Ostufers zutreibt, in eine frühere Zeit ausgewichen.“

Noch einmal durchzieht die Zeit seines damaligen Bootsunglücks seine Erinnerung. Wir erleben die Kindheit von Willy Weitling, seine Familie, seine Schulzeit in den 50er Jahren – wer kann, wird diesen Teil des Romans genießen. „Ich muss zugeben, dass ich mir ‚in jung‘ doch ab und zu gefalle.“

Doch auch wenn er als erwachsener Beobachter des Halbwüchsigen gerne in die Handlung eingreifen möchte, gelingt ihm dies naturgemäß nicht: „Nur, was hätte diese Gastrolle in der eigenen Jugend für einen Sinn?“

In seinem neuen Roman spekuliert Nadolny über Reversibilität linearer Zeitverläufe, Martin Suter ist einer ähnlichen Versuchung auch gerade erlegen. Immer stärker verdichtet sich die Ahnung seines Helden Weitling zur Gewissheit: Die Geschichte ereignet sich nicht zweimal gleich. Doch soll er das Ergebnis beeinflussen? Und was wird dann aus der Zukunft? „Denn sollten tatsächlich Vorgänge abweichen, hätte das Auswirkungen. Dass winzige Kursänderungen ein Schiff an einer ganz anderen Stelle landen lassen können, weiß ich als Segler.“

Parallelen von Autor und Protagonisten weisen darauf hin, dass Nadolny hier den Versuch eigener biographischer Lebensbeschreibung und -klärung unternimmt. Ähnlich wie der ertrinkende Weitling lässt er seine eigene Jugend noch einmal ablaufen, hält Rückschau. Doch sind das nicht zu viele Realitätspartikel aus der Biographie des Autors, der tatsächlich selber als Sohn eines Schriftstellerehepaares im Chiemgau aufwuchs und dort heute wieder lebt?

Gewiss, gute Romane entspringen immer auch der Erlebniswelt des Autors, doch nur den ganz großen Schriftstellern gelingt dies mit hinreichender Distanz oder Verfremdung. Denn der Leser will nicht den Autor in einem Roman erleben – sonst würde er dessen Biographie kaufen –  sondern vermittels dessen Protagonisten sich selber in diesem Werk (wieder-) entdecken oder reflektieren. Ein Roman muss – anders als ein Sachbuch – mit der Lebenswelt des Lesers selbst zu tun haben, im Idealfall in Dialog mit ihm treten. Ein schwieriges Unterfangen, das Nadolny jedoch umso besser gelingt, wie die Handlung des Buches fortschreitet.

Jeder Autor hat – wenn er unverwechselbar sein will – seinen je eigenen Erzählstil, an dem man ihn auch im „Doppelblindtest“ erkennen kann: Die gedrechselten Sätze eines Thomas Mann, die geschwurbelten Gedanken eines Günter Grass, die immer ein wenig verästelten Ausführungen eines Martin Walser zum Beispiel. Dagegen ist das leise Parlando eines Sten Nadolny, diese Form des Selbstgesprächs, manchmal ermüdend – doch insgesamt lesen sich die gut 200 Seiten angenehm und leicht in wenigen Stunden.

Man wartet jetzt nur noch gespannt, wie er das „Wurmloch“ wieder auflöst, in das Richter a. D. Weitling scheinbar gefallen ist. Doch was Nadolny sich da als „Plot“ ausgedacht hat, wirkt ein wenig überdreht: Die Möglichkeit nicht nur alternativer, sondern multipler Existenzen. Tatsächlich muss der in die Gegenwart zurückkehrende Richter a.D. Weitling feststellen, dass ein Anderer aus ihm geworden ist: Kein Richter, sondern ein Schriftsteller.

„Wenn überhaupt, dachte er, dann müsste man sich Gott unschlüssig denken. Er probiert herum, macht Fehler, überlegt, hat einen besseren Einfall und korrigiert sich!“

Oder muss man den Roman vielleicht einfach als Beitrag zur Demenz-Debatte lesen? Auch so ließen sich all die Wunderlichkeiten erklären.

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