Frank Michael Orthey – „Systemisch führen“

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Führung wird als soziale Interaktion zwischen zwei oder mehr Menschen verstanden und hat generell die Steuerung und Gestaltung des Handels anderer Personen zum Gegenstand.

Soweit zur definitorischen Ausgangslage. Führung ist in der Tat eine vielschichtige und komplexe Angelegenheit. Den „richtigen“ Führungsstil gibt es dabei ebenso wenig wie die „ideale“ Führungskraft. Vielleicht liegt es schlicht am zu führenden Menschen, vom dem Kant einst sagte, er sei aus einem viel zu krummen Holz, als dass etwas Gerades aus ihm werden könne.

Was dabei herauskommt, wenn man eine akademische gebildete Persönlichkeit an das Thema heranlässt, das kann man beim Lesen dieses Buches erfahren: Der promovierte und habilitierte Berater und Trainer Frank Michael Orthey seziert Führung bis ins Detail. Als Basis dafür dient ihm sein eigens entwickelter „pentagrammatischer“ Führungsansatz.

Wem bei den fünf Positionen dieses durchaus einleuchtenden Pentagramms, an dessen Enden sich richtiger Weise die zentralen Themen von Führung – Aufgabe, Organisation, Kultur, Person, Beziehung – befinden, bereits die Sinne schwinden, der sei gewarnt, denn Orthey wird noch viele innere Pentagramme in dieses Pentagramm implementieren.

Dabei weiß der Autor selber um die Unmöglichkeit seiner Unterfangens, das weite Feld der Führung in einem einzigen Buch erfassen zu wollen. Mit einer guten Portion Sarkasmus unternimmt er gleichwohl den Versuch der „unmöglichen Möglichkeit“. Denn Unternehmen sind als Organisationen nicht „so rational und zielgerichtet, nicht so eindeutig und formalisiert geordnet, wie deren Repräsentanten es in raffinierten PowerPoint-Organigrammen, mit broschierter Hochglanzästhetik oder auf animierten Websites nach außen darzustellen versuchen.“

Der Leser erkennt, hier schreibt ein Autor ohne jede Illusion, der dennoch die deskriptive Sisyphusarbeit auf sich nimmt, auch wenn es letztlich nur darum geht, „die Erwartung zu stabilisieren, dass die organisatorische Dynamik dadurch zielgerichtet gesteuert sei.“ Dabei unterstellt Orthey den Führungskräften „(…) viele gute Absichten. Ob und wie sie wirken, ist eine andere, aber auch die entscheidende Frage.“

Das hatte schon Tucholsky befunden: „Das Gegenteil von gut ist nicht böse, sondern gut gemeint.“ Machen wir es daher ähnlich kurz: Selten ward das Thema Führung so präzise und konzise analysiert wie in diesem Buch. Mit der Führungsrealität in (zumindest mittelständischen) deutschen Unternehmen hat das Buch etwa so viel zu tun, wie ein Lehrbuch der Anatomie mit den Menschen an sich. Doch bereits Marcuse schrieb so schön: „Wenn die Tatsachen nicht mit der Theorie übereinstimmen – um so schlimmer für die Tatsachen.“

Man kann es auch mit Goethe formulieren: „Da steh ich nun ich armer Tor und bin so klug als wie zuvor.“ Doch zumindest der wissenschaftlich interessierte Leser fühlt sich auf hohem Niveau glänzend unterhalten. Wer wie Orthey jedoch den Mut hat, es auch solchen Führungskräften anzudienen, die bisher am liebsten par ordre de Mufti, als sog. „Brüllaffen“ oder nach deutscher „Gutsherrenart“ führten, muss ggf. mit ratlosen Blicken oder gar Rausschmiss rechnen – aber damit stände man historisch ja in bester Gesellschaft da.

Doch immanent braucht Orthey keine Sorge vor Kritik zu haben: Die meisten Führungskräfte tun nur so als ob. In Wirklichkeit haben sie selten einen Schimmer, was alles die Führung von Menschen ausmacht und wie Führung mit Wertschätzung funktioniert. Stattdessen kopiert man meist einfach seinen Vorgesetzten – das nennt man dann Tradition.

Wer sich doch die Mühe machte und dieses Buch – notwendig mehrfach – zu lesen, der würde wahrscheinlich reich belohnt und erhielte so manchen Impuls, seine Arbeit als Führungskraft system(at)isch zu überdenken.

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