Siegfried Lenz – „Landesbühne“

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Anders als gewohnt und üblich enthält sich dieses Buch eines Gattungsbegriffs – das ist zumindest bei Siegfried Lenz gewiss kein Zufall. Bei dem gerade einmal 100 Seiten starken Buch handelt es sich also weder um einen „Roman“ noch eine „Erzählung“ oder „Novelle“. Doch was ist es dann? Für eine „Kurzgeschichte“ ist es entscheiden zu lang. Haben wir es etwa mit einem „Schelmenroman“ zu tun?

Und so kommt der geneigte Leser ein erstes Mal ins Grübeln. Es soll im Laufe der gut ein- oder zweistündigen Lektüre nicht das letzte Mal bleiben. Wer Siegfired Lenz kennt, weiß um seinen moralischen Anstand, die Zugänglichkeit der Handlung, um das rechtschaffene Personal seiner Werke und ihr jeweiligen Lebensentwürfe.

Selten hat Siegfried Lenz – zumindest nach meiner Erinnerung – so fabuliert. Erzählt wird die Geschichte eines Gefängnisausbruchs. Mehrere Häftlinge nutzen die Chance einer Theateraufführung in ihrer Haftanstalt zum Ausbruch. Was Lenz uns da auftischt, wirkt auf den ersten Blick so harmlos; fast eine heile Welt dieses Gefängnis Isenbüttel – den Ort gibt es wirklich, wenn auch nicht in Schleswig-Holstein.

Wohl nicht zufällig erinnert das von der „Landesbühne“ im Gefängnis Isenbüttel aufgeführte Stück „Das Labyrinth“, in dem man auf rätselhafte Weise abhandenkommen kann, sehr an Kafka. Auch die Leichtigkeit der Flucht ist erstaunlich. Und als die Geflohenen ihrem Direktor begegnen, mustert dieser sie nur spöttisch. Leicht kann man Isenbüttel entfliehen, wenn auch nicht entkommen.

Die Häftlinge machen Station in einer Kleinstadt, die gerade ein Fest feiert. Sie engagieren sich sofort für dieses Fest und dank ihrer Arbeit blüht die Stadt förmlich auf. Der Zeithorizont schnurrt in dieser Episode auf und zu, der Leser verliert wie in einem schweren Traum jegliche Zeitorientierung. Doch dann werden sie wieder eingefangen und kehren in ihre Haftanstalt Isenbüttel zurück. Der Erzähler ruft pathetisch aus: „Wir waren fern von Isenbüttel, hatten Isenbüttel überwunden.“ Und Anstaltsdirektor Tauber spricht: „Es ist meine Pflicht, dafür zu sorgen, dass der Kreis sich schließt.“

Es ist die Aussichtslosigkeit, die mürbe macht. „Sie sind ungerecht“, sagt Hannes zu Clemens, „zu dir und den meisten hier sind sie ungerecht in der Strafzumessung. Glaube mir, ein verständnisvoller Richter hätte fast alle freigesprochen, nach Hause geschickt: unschuldig.“

Wieder erscheint die „Landesbühne“ und nun wird Samuel Becketts Stück „Warten auf Godot“ aufgeführt – das im Gegensatz zur allgemeinen Rezeption hier eine merkwürdig hoffnungsfrohe Deutung erfährt.

Steht Isenbüttel sinnbildlich für dieses unser „Jammertal“? Sind wir alle nur „Freigänger“ auf unbestimmte Zeit? Und dann stehen sie wieder da, diese Sätze wie in Granit für die Ewigkeit gemeißelt: „Aushalten, jeder muss irgend etwas aushalten, ertragen, das, was er weiß, was ihm zugestoßen ist, was ihm berichtet wurde, manchmal muss er auch den anderen aushalten.“

„Die Hölle, das sind die anderen“, schrieb schon Jean-Paul Sartre, einst wohl auch existenzialistisches Vorbild Siegfried Lenz‘. Die Kreise schließen sich.

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