Peter Kurzeck – “Unerwartet Marseille”

Meine Bewertung: ★★★★☆ 

Für dieses Hörbuch hat der Schriftsteller Peter Kurzeck ohne ein gesetztes Thema gut zwei Stunden frei gesprochen, und zwar ganz so, wie ihn seine treuen Leser kennen. Denn wenn Peter Kurzeck zu sprechen beginnt, hört man dem kleinen Mann mit dem dünnen Oberlippenbart und den langen Haaren gebannt zu.

Die beiden CDs sind ein Live-Experiments, das der Literaturwissenschaftler Jörg Döring von der Universität Siegen im Rahmen eines Seminars unternahm. Er lud Kurzeck ein, ließ ihn reden und ein Aufnahmegerät mitlaufen.

Ein Thema war ihm für dieses Experiment nicht vorgegeben. Also fing Peter Kurzeck an, von seinen Reisejahren zu erzählen, aus der Zeit, wie er sagt, in der man gespürt habe, dass die Welt eine bessere wurde. Er erzählt - unter anderem – über eine spontane Autofahrt nach Marseille. Unterwegssein, nicht schlafen, immer ein wenig aufgeputscht  durch Wachtabletten und Alkohol.

Der Titel der Doppel-CD basiert auf einer Reise, die  eigentlich nur bis zur deutsch-französischen Grenze gehen sollte und  dann in Südfrankreich endet. Kurzeck hat keinen Urlaub und versucht vergebens, seinen Arbeitgeber telefonisch zu  erreichen. Stattdessen schickt er ein Telegramm: “Unerwartet Marseille. Rückkehr verhindert.”

Und so dicht Kurzeck auch bei seinen eigenen, oft banalen Erlebnissen bleibt, man erfährt eine Menge über die Zeit, über die Gesellschaft, über die Arbeitsverhältnisse der frühen Bundesrepublik.

Kurzeck redet wie gedruckt, so, wie in seinen Büchern, zuletzt in seinem 1000-Seiten-Werk “Vorabend”. Dies ist die Verfertigung von Literatur beim Sprechen. Es ist insgesamt der Versuch eine verlorene, vergangene Welt zu konservieren: “Man muss die ganze Welt erzählen!”

Der Kurzeck-Ton ist unverwechselbar, seine Stimme sanft. Am Satzende hebt er sie stets ein wenig, als stelle er eine Frage. Sein siegerländischer Tonfall geht einem in den Kopf und von dort nicht mehr weg.

Am 19. August 1971, “ein Donnerstag war es, glaube ich” wacht er auf und weiß: “Du darfst nicht mehr zu deiner Arbeit gehen.” Er kündigt seinen Job, bekommt einen Aushilfsjob in einer Buchhandlung und ist fortan Schriftsteller.

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